Magersucht bei Jugendlichen und die Rolle der Medien | Aktion Kinder in Gefahr

Magersucht bei Jugendlichen und die Rolle der Medien

Nina Stec

Anorexia nervosa, oft als Magersucht bezeichnet, ist eine psychische Erkrankung und eine besonders schwere Form der Essstörungen, die tödlich enden kann: Jeder 10. Betroffene stirbt daran. In Deutschland weisen 21,9 Prozent aller Kinder und Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren Symptome einer Essstörung auf. Im Jahr 2015 wurden 8079 Fälle von Magersucht in Krankenhäusern behandelt, 75 Menschen starben an der Krankheit. Bei den Betroffenen handelt es sich in den meisten Fällen um Mädchen und junge Frauen, aber auch Jungen und Männer können betroffen sein.

Magersucht beginnt häufig mit dem Wunsch, schlanker zu sein: Sport und Diäten, ein gesünderer Lebenswandel, um Babyspeck loszuwerden und eine schöne Figur zu erlangen, sind an sich meist harmlose Gedanken, die vielen Menschen irgendwann begegnen. Man möchte gut aussehen und sich gut fühlen. Menschen, die nicht an Essstörungen leiden, sind zufrieden, wenn sie ihr Wunschgewicht erreicht haben. Magersüchtige dagegen kennen kein „Wohlfühlgewicht“, bei dem man dann auch „dünn genug ist“, ihre Ziele sind immer nur Zwischenstationen, das Körpergewicht soll immer weiter sinken. Sie leiden unter einer verzerrten Selbstwahrnehmung und fühlen sich selbst dann noch zu dick, wenn ihr niedriges Körpergewicht bereits gesundheitsschädlich oder gar lebensbedrohlich ist. Getrieben von der Angst, zuzunehmen, drehen sich ihre Gedanken permanent um Essen, Kalorien und die Frage, wie sie noch mehr abnehmen können.

Magersucht hat viele Ursachen, bei den meisten Betroffenen kamen verschiedene Faktoren zusammen, die zu ihrer Erkrankung führten. Wenn Kinder betroffen sind, kann die Krankheit familiäre Ursachen wie Spannungen in der Familie oder dem näheren Umfeld oder Mobbing haben, das ist aber nicht zwangsläufig der Fall. Grundsätzlich kann die Krankheit in jeder Familie in jeder persönlichen, wirtschaftlichen und finanziellen Situation vorkommen. Eine vererbte Veranlagung, ein geringes Selbstbewusstsein, Perfektionismus, der Wunsch, gut auszusehen, aber auch die Furcht vor Verlust und Veränderungen, auf die man selbst keinen Einfluss nehmen kann, können etwa begünstigende Faktoren sein. Die Krankheit erfüllt für die Betroffenen je nach ihren individuellen Ursachen eine bestimmte Funktion, die nicht selten über den Wunsch, möglichst dünn zu sein, hinausgeht. Gerade in der Pubertät haben viele Jugendliche das Gefühl, das in ihrem Leben alles drunter und drüber geht, sie sind verwirrt über die ganzen Veränderungen am eigenen Körper, Fühlen und Denken, dazu können Streitigkeiten in der Familie und Probleme mit Freunden und in der Schule kommen. Sie wünschen sich ein „perfektes Leben“, das ganz anders sein soll, als das Leben, das sie gerade selbst führen.

An dieser Stelle kommt etwa die Rolle der Medien ins Spiel, in denen gerade Jugendliche häufig ihre Vorbilder finden, bekannte Persönlichkeiten, Schauspieler, Models, Blogger und sogenannte „Influencer“ aus YouTube, Instagram und Co. die vorzeigen, wie dieses „perfekte Leben“ in etwa aussehen könnte. Werbung für Bekleidung, gesunde Freizeitgestaltung und Nahrungsmittel zeigt vor allem Menschen, die als attraktiv und erfolgreich angesehen werden können, weil sie dem aktuellen Schönheitsbild und einem von vielen angestrebten Lebenskonzept entsprechen. Diese Ideale sind wandelbar, sie haben sich im Laufe der Geschichte häufig geändert und resultierten nicht selten in ungesunden Erscheinungen. Während Schönheitsköniginnen der 1920er Jahre noch einen Body-Mass-Index von 20 bis 25 aufwiesen, liegt er seit den 1990er Jahren bei durchschnittlich 18,5 was laut BMI gerade noch Normalgewicht bedeutet, die Weltgesundheitsorganisation spricht bereits von Unterernährung. Laut Definition beginnt Magersucht bei einem BMI von 17,5. Während eine gesunde Frau einen Körperfettanteil von etwa 25 % besitzen sollte, verfügen viele der derzeitigen Schauspielerinnen und Models über gerade einmal rund 10 % Körperfett. Im Internet finden sich bizarre Phänomene wie Pro Ana Communitys, die Magersucht nicht als Krankheit darstellen, sondern in Form von Fotostrecken und Diätregeln als Lifestyle idealisieren und verharmlosen.

Gerade verunsicherte Jugendliche lassen sich gerne von der vermeintlich perfekten Welt ihrer berühmten Idole blenden. Da es nicht möglich ist, sie dauerhaft vor solchen Einflüssen fernzuhalten, gilt es, ein offenes Auge zu haben und mit ihnen über die Scheinwelt von Instagram und Co. zu sprechen, in der User mit viel Aufwand die vermeintlich besten und sehenswertesten Seiten von sich selbst und ihrem Leben inszenieren, um Aufmerksamkeit und Bekanntheit zu erlangen. Sport und gesunde Ernährung tun Jugendlichen gut und können sogar dazu führen, im Leben zufriedener, ausgelassener und erfolgreicher zu sein. Hungern und unerreichbaren Idealen nachlaufen dagegen bewirken das genaue Gegenteil, die Magersucht ist oft nicht nur für die betroffene Person zerstörerisch, sondern kann zu einer Belastungsprobe für die ganze Familie werden. Betroffene und Angehörige sollten sich in jedem Fall professionelle Hilfe suchen.

Quellen:

http://www.magersucht.de/krankheit/medien.php
https://programm.ard.de/TV/Tipps/Tagestipps/?sendung=28007898414739
https://gesundheit.aok.de/gesundheit/gesund-werden/magersucht/magersucht-symptome.html
https://www.bzga-essstoerungen.de/verwandte-freunde0/magersucht/ursachen-und-ausloeser/

Foto: <a href=“https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/frau-steht-auf-einer-waage_2770407.htm“>Designed by Rawpixel.com</a>

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