Kinderarmut in Deutschland betrifft viel mehr Kinder als angenommen/Hohe Dunkelziffer

Christiane Jurczik

Nach Schätzung des Kinderschutzbundes tauchen etwa 1,4 Millionen bedürftige Kinder in den offiziellen Statistiken gar nicht auf. Die Gründe hierfür sind schlicht bürokratische Hindernisse oder die Scham der Eltern.

Etwa 4,4 Millionen Kinder in Deutschland sind nach Einschätzung des Deutschen Kinderschutzbundes von Armut betroffen – etwa 1,4 Millionen mehr als bisher angenommen. Ein Grund sei, dass viele Familien staatliche Leistungen nicht in Anspruch nehmen, also in den Statistiken nicht erfasst würden. „Oft liegt es daran, dass die Eltern mit den bürokratischen Abläufen überfordert sind oder sich schlichtweg dafür schämen“, sagte Kinderschutzbund-Präsident Heinz Hilgers. Regierung und Behörden setzten auch bewusst auf den abschreckenden Faktor der Bürokratie. „Die Verschleierungsmethoden der Ministerien funktionieren gut“, sagte Hilgers. Dies sei ein „Armutszeugnis für ein reiches Land“, kommentierte der Verband die Zahlen. Er forderte die Bundesregierung auf, entschlossener gegen Kinderarmut vorzugehen. Deren Pläne etwa zur Erhöhung des Kinderzuschlags seien „völlig unzureichend“.

Aufstockende Leistungen nehmen geschätzt nur etwa 50 Prozent der Berechtigten in Anspruch. Das allein betreffe rund 850.000 Kinder unter 18 Jahren. „Zählen wir alles zusammen, kommen wir konservativ gerechnet auf eine Dunkelziffer von 1,4 Millionen Kindern. Alle diese Kinder sind offiziell nicht arm, doch sie fallen durch das Raster unseres Sozialstaates“, sagte Hilgers.

Wer in Deutschland arm ist hat in der Regel trotzdem ein Dach über dem Kopf und hat Essen zur Verfügung. Klingt deshalb halb so schlimm – ist aber für Kinder fatal: Sie müssen in dieser entscheidenden Entwicklungsphase auf vieles verzichten.

Als Kind arm zu sein bedeutet Verzicht auf Dinge, die für andre Kinder selbstverständlich sind. Dabei haben die folgenden 5 Bereiche für die Entwicklung eine hohe Bedeutung.

  1. Mehr als das Nötigste

Markenklamotten und das neuste Handy gehören nicht zum Grundbedarf. Wer aber von klein auf nur Gebrauchtes aufträgt, erfährt häufig Hänseleien oder Ausgrenzung. Und fehlt es an wetterfester Kleidung, werden Kinder schneller krank.

  • Raum sich zu entfalten

Auch arme Familien haben meist eine Wohnung mit Strom und warmem Wasser. Woran es mangelt, ist der Platz. Kinder müssen sich hier häufig ein Zimmer mit ihren Geschwistern teilen. Das kann sich schnell auf Erfolge in der Schule auswirken: Wer keinen Rückzugsort hat, kann sich schwerer auf Hausaufgaben konzentrieren oder für den nächsten Schultag ausruhen. In der Regel bietet auch das Wohnumfeld weniger Möglichkeiten für den Ausgleich – Gärten und Parks zum Entspannen und Spielen sind seltener benachbart.

  • Sicherheit

Wenn ein Schulausflug ansteht, die Brille herunterfällt oder die Waschmaschine streikt, fallen Kosten an. Finanziell gesicherte Familien können darauf reagieren – für benachteiligte Kinder hat das Konsequenzen. So kann eine finanzielle Durststrecke den Zugang zu Gesundheitsleistungen oder saubere Kleidung kosten. Auch können arme Familien weniger für die Zukunft ihrer Kinder beiseitelegen.

  • Bildung und Gemeinschaft

Lehrer gehen heute davon aus, dass Schüler auch zu Hause Zugang zum Internet haben und geben digitale Hausaufgaben auf, die nur mit Zugang zum Internet zu lösen sind. Gerade auf dem Land sind Kinder zudem auf ein Auto der Eltern angewiesen, um das Fußballtraining oder den Musikunterricht zu besuchen. Doch weder ein PC, noch ein Auto steht jeder Familie zur Verfügung.

  • Freizeit und soziale Kontakte

Freunde zum Essen nach Hause einladen, einen Kino- oder Theaterbesuch mit Freunden genießen, in den Urlaub fahren – das bleibt sozial Benachteiligten oft verwehrt. Dabei sind gerade diese Erlebnisse für die Entwicklung von Kindern besonders wichtig.

Mit Informationen aus Change-magazin.de und Spiegel.de

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