Kinderhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung floriert

Christiane Jurczik

Der Kinderhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung floriert – weltweit und auch in Deutschland!

Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) waren 2016 40 Millionen Menschen in verschiedenen Formen der modernen Sklaverei gefangen. 25 Prozent davon waren Kinder unter 18 Jahren. Eine Form der modernen Sklaverei ist der Menschenhandel ist der Menschenhandel. Die ILO schätzt, dass heute weltweit über 20 Millionen Menschen Opfer von Menschenhandel sind. Bei 71 Prozent der Betroffenen handelt es sich um Frauen. Die überwiegende Mehrheit dieser Frauen wird in den Sexhandel verkauft.
Kinder, die 25 Prozent der Menschenhandelsopfer ausmachen, werden aus einer Vielzahl von Gründen gehandelt. Sexuelle Ausbeutung, vielleicht die bekannteste und am besten dokumentierte Erscheinungsform des Menschenhandels, ist nur ein Element dieser dunklen und komplexen Welt. Haushaltsarbeit, Sozialbetrug, Arbeit im Dienstleistungsgewerbe (Nagelstudios, Restaurants), als Drogenkuriere oder Lockvögel, Betteln und Taschendiebstahl, Zwangsheirat, Handel mit menschlichen Organen, Soldatentum, landwirtschaftliche Arbeit, illegale internationale Adoptionen und Leistungssport – in all diesen Bereichen gibt es eine Nachfrage nach versklavten Kindern.

Kinderhandel in Europa

Zwischen 2012 und 2014 wurden 15.000 Menschen entdeckt, die nach West- und Südeuropa gehandelt wurden. Von diesen wurden 67 Prozent zum Zweck der sexuellen Ausbeutung verkauft, 25 Prozent davon waren Kinder unter 18 Jahren. Die Forschung in Mittel- und Südosteuropa zeigt ähnliche Zahlen, wobei 75 Prozent der Opfer von Menschenhandel weiblich sind. 25 Prozent sind unter 18 Jahre alt. Von der Gesamtzahl der Opfer aus Mittel- und Südosteuropa wurden 65 Prozent Opfer von sexueller Ausbeutung. Viele der gehandelten Kinder arbeiten in Bordellen auf dem ganzen Kontinent. Laut dem Lagebericht 2016 des Europäischen Polizeiamts (Europol) sind die wichtigsten Zielländer für den Menschenhandel in Europa Österreich, Belgien, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Italien, die Niederlande, Spanien, die Schweiz und das Vereinigte Königreich. Einige dieser Länder gehören zu den reichsten in Europa und viele haben große Sexmärkte. Diese Sexmärkte werden sowohl von der Binnennachfrage als auch von der vom Tourismus produzierten ausländischen Nachfrage genährt.

Tausende Kinder werden jedes Jahr von Menschenhändlern verkauft und ausgebeutet. Morten Kjaerum, der Direktor der EU-Agentur für Grundrechte, schildert einen Fall von vielen: „Dayo, ein 15-jähriges Mädchen, wurde aus Nigeria nach Großbritannien gebracht. Sie landete in einem Haushalt und musste sehr schwer arbeiten. Auf drei Kinder aufzupassen, alle Hausarbeit zu erledigen und verprügelt zu werden, gehörte zu ihrem Alltag.“

„EU-Länder behandeln Opfer wie Täter“

Wichtiger als die Täter zu verfolgen, sei es aber, die Opfer zu schützen und sie nicht wie Verbrecher zu behandeln. Das aber ist in vielen EU-Ländern der Fall. Da werden zum Beispiel Mädchen ins Land geschleust, um in Bordellen zu arbeiten. Und wenn sie dann auffielen, dann würden sie auch noch wegen illegaler Einreise und Prostitution ins Gefängnis gesteckt, so Agentur-Chef Kjaerum.

„Opfern von Kinderhandel muss eine langfristige Perspektive geboten werden“, fordert er. Das beinhalte auch Erziehung und das Recht, im Lande zu bleiben. Und sie dürften nicht in dieselben Aufnahmelager gesteckt werden wie erwachsene Asylbewerber. Denn allzu oft führe die schlechte Behandlung durch die offiziellen Stellen dazu, dass die Minderjährigen im Zweifel den Menschenhändlern mehr vertrauten, als der Polizei und den Behörden.

Wie groß das Problem hierzulande ist, kann man allerdings nur ahnen. Es gibt keine Zahlen. Eine Orientierung gibt das jährlich erscheinende Bundeslagebild „Menschenhandel“ des Bundeskriminalamtes (BKA).
2014 gab es demnach 557 Opfer im Bereich Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung. 95 Prozent davon sind Frauen. 266 von ihnen, also fast die Hälfte, waren unter 21 Jahre alt. Diese Zahlen zeigen allerdings nur die abgeschlossenen Ermittlungen. „Fälle, die nicht aus dem Rotlichtmilieu stammen, sind in dem Bericht kaum zu finden“, sagt Mechthild Maurer, Geschäftsführerin von ECPAT Deutschland, einem Verein, der Kinder vor sexueller Ausbeutung schützen will. Was aber nicht heißt, dass es sie nicht gibt.

Die meisten kindlichen Opfer findet man laut Mechthild Maurer vor allem im so genannten pädosexuellen Bereich. Die Täter sind hier fast immer Männer. Die leben aber nicht zwingend am Rande der Gesellschaft, sondern oft auch mittendrin. „Im akademischen Bereich gibt es da eine gute Streuung“, sagt Mechthild Maurer. „Die haben meistens eine gute Täterstrategie, lassen sich Zeit und bauen Vertrauen zu ihren Opfern auf.“

Bei den nachpubertären Opfern dominiert die so genannte Loverboy-Strategie. Ein Loverboy ist ein junger Mann zwischen 18 und 25 Jahren, der ein Mädchen erst in sich verliebt macht und es dann zur Prostitution zwingt. Als Druckmittel verwendet er dann zum Beispiel anzügliche Fotos oder er droht damit, der Familie des Mädchens etwas anzutun. Diese Fälle aufzudecken, ist gar nicht so einfach.

„Die Mädchen erstatten so gut wie nie Anzeige, weil die Hemmschwelle so groß ist“, sagt Bärbel Kannemann vom Verein „No Loverboys“. „Die Mädchen schämen sich vor der Reaktion des Umfelds und haben Angst vor der Gewalt der Täter. Aber an fast jeder Schule, an der ich bin, gibt es Opfer.“ Und auch die Loverboy-Opfer findet man fernab des Rotlichts. Laut Bärbel Kannemann stammen immer mehr Mädchen sogar aus den oberen sozialen Schichten.

Mit Informationen aus der Tagesschau, Das Erste, und der Bundeszentrale für politische Bildung

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