Familie in Deutschland: Immer mehr junge Menschen haben Angst Kinder zu bekommen

Christiane Jurczik

In Deutschland kursiert seit Jahren ein hartnäckiges Gerücht: Kinder kriegen ist gleichbedeutend mit Armut. Das ist traurig – weil es wahr ist. Also nicht für alle. Aber immerhin haben 75 Prozent der Frauen in Deutschland Angst ein Kind zu bekommen weil sie dann in die Armutsgrenze absteigen könnten. Ebenso der Verlust des Arbeitsplatzes und die Wohnungsnot spielen eine gravierende Rolle bei der Familienplanung.


47 Prozent wollen gar keine Kinder bekommen.

Kinderwunsch und Deutschland – das passt immer schlechter zusammen. Potenzielle Eltern beklagen eine schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Kindern – berufstätige Mütter fürchten gesellschaftliche Ablehnung.

Die Zahl ist nach wie vor ernüchternd: 1,36 Kinder bekommt die deutsche Frau im Schnitt. Das Klischee von der Akademikerin ohne eigene Familie stimmt noch immer. „Warum so wenig Kinder?“, fragt sich das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in einer neuen Studie. Erstmals hat das Institut, das dem Bundesinnenministerium unterstellt ist, demnach die Gefühlslage der Deutschen bei der Frage des dauerhaften Geburtenrückgangs berücksichtigt und dies mit bekannten Daten zur Familienforschung kombiniert. Deutlich wird: Kinder zu bekommen ist nicht nur eine Frage des Geldes und von Kita-Plätzen, sondern auch eine des gesellschaftlichen Klimas. Das Leitbild von der „guten Mutter“, die immer für ihren Nachwuchs da sein muss, hemmt. Und anders als das „Fräulein“ ist das Wort „Rabenmutter“ im Deutschen noch immer präsent.

Wenn die Mutter arbeiten gehen muss

Frappierend ist der Unterschied zwischen Ost und West, was berufstätige Mütter angeht: Im Westen glauben 63 Prozent, dass ein kleines Kind wahrscheinlich darunter leidet, wenn die Mutter arbeitet – im Osten sind es 36 Prozent. Das hat auch historische Gründe: In der DDR gehörten berufstätige Mütter und Krippen mehr zum Alltag als in Westdeutschland.
Deprimierend klingt, dass heute von vielen Deutschen Kinder nicht als Bereicherung empfunden werden. Nicht einmal die Hälfte der Kinderlosen zwischen 18 und 50 Jahren denkt, dass ein Kind innerhalb der nächsten drei Jahre ihre Lebensfreude verbessern würde. Ganze 88 Prozent der Väter von Kindern unter 18 Jahren meinen, dass sich Familie und Beruf nicht gut miteinander vereinbaren lassen, bei den Müttern sind es 78 Prozent.

Nirgendwo auf der Welt verzichten Frauen so oft auf Kinder

Deutschland ist ein „Niedrig-Fertilitätsland“. Nirgendwo auf der Welt verzichten Frauen so häufig ganz auf Kinder. Deutschland liegt bei den Geburten im europäischen Vergleich auf einem der hinteren Plätze. In Europa gebe es nur zehn Länder, in denen die Geburtenziffern niedriger seien als in Deutschland. Hier betrage die Zahl 1,39. Lettland liege mit einer Quote von 1,17 ganz hinten, Island führe mit 2,20 Kindern die Statistik an.

Trotz guter Konjunktur steigt die Kinderarmut in Deutschland. Über zwei Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 sind auf staatliche Grundversorgung angewiesen. Betroffen sind vor allem Kinder von Alleinerziehenden und aus Familien mit mehr als drei Kindern.

Zahlen aus Statistika

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