Funktionaler Analphabetismus oder Lesen ohne zu verstehen

Nina Stec

Lesen lernen ist Übungssache. Anders als das Sprechen lernen kleine Kinder es nicht automatisch nebenbei, sondern nur indem sie es sich selbst, mit Unterstützung der Eltern und Lehrer und durch viel Wiederholung, aneignen. In der heutigen Zeit beträgt die weltweite Alphabetisierungsrate 80 % und hat damit einen historischen Rekord erreicht, eigentlich ein Grund zur Freude. Allerdings ist „lesen können“ relativ. Die meisten Menschen sind in der Lage, zu Wörtern und Sätzen zusammengestellte Buchstaben zu entziffern, das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass das Gelesene auch verstanden wurde und im Gedächtnis behalten wird. Auch in Deutschland ist die Lesefähigkeit, wie gut Menschen lesen und verstehen können, sehrt ungleich verteilt.

In der internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung Iglu aus dem Jahr 2016 schnitten deutsche Schulkinder nur mittelmäßig ab, die mehr als 80 verschiedenen Programme zur Verbesserung der Lese- und Schreibfähigkeit scheinen nicht anzudocken. Benachteiligte Schüler aus wirtschaftlich schwachen- oder Migrantenfamilien profitieren nicht von ihnen, im Gegenteil scheint die Schere zwischen den stärkeren und den schwächeren Schülern dadurch noch verstärkt zu werden. Grund dafür ist, dass sich die meisten Leseprogramme im Sinne des kompetenzorientierten Unterrichts allein an der Stärkung der Lesekompetenz orientieren. Auf die Inhalte der zu lesenden Texte kommt es dabei nicht an.

Kompetenzen ohne Inhalte zu vermitteln ist allerdings hochproblematisch. Während Kinder aus bildungsnahmen Familien sich in der Regel etwa durch familiäre Gespräche einen größeren Wortschatz und ein breiteres Weltwissen aneignen, und darüber hinaus durch Vorlesen und Nachhilfe generell einen Vorsprung beim Lesen aufweisen, fehlen schwächeren Schülern diese Vorkenntnisse häufig. Das Resultat: 18,9 Prozent, also fast ein Fünftel aller Zehnjährigen in Deutschland kann nicht „sinnentnehmend“ lesen. Das heißt, sie verstehen nicht, was sie lesen, weil sie die zu lesenden Wörter oder Sachverhalte nicht kennen und sie somit keinen Sinn für sie ergeben. Dieses Phänomen bezeichnet man als „funktionalen Analphabetismus“. Von Spaß am Lesen ist dann gar keine Rede mehr.

Wer im Grundschulalter nicht richtig lesen lernt, wird es mit großer Wahrscheinlichkeit als Erwachsener nicht nachholen. Insgesamt gelten 7,5 Millionen Menschen in Deutschland als „funktionale Analphabeten“ und können nicht richtig lesen und schreiben.

Dabei ist Lesen auf so vielen Ebenen wichtig – wer es gut beherrscht lernt schneller sich Sachinformationen zu merken – ebenso komplexe und sinnige Zusammenhänge zu begreifen. Außerdem vergrößert er seine Aufmerksamkeitsspanne und trainiert das Gedächtnis. Dazu muss das Lesen allerdings erst flüssig funktionieren.

Richtiges lesen Lernen beinhaltet also mehr als die Auseinandersetzung mit austauschbaren, verschriftlichen Worten. Wer Kindern das Lesen beibringt sollte ihnen dabei für sie geeignetes, spannendes und nützliches Wissen vermitteln, damit die Lernenden begreifen, dass ihre Mühen sinnvoll sind und sich auszahlen und es am Ende sogar sehr viel Freude bereithält.

Quellen:

Zeit Online: Leseschwäche: Es ist zum Weinen

Lauer, Gerhard, Lesenlernen mit Inhalten, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.2019.

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