Dose mit weißen Pillen

Ärzte warnen: Immer mehr Eltern geben ihren Kindern Schlafmittel

Christiane Jurczik

Wissenschaftler und Ärzte warnen vor einem gefährlichen Trend: Eltern stellen ihre Kinder zunehmend mit Schlafmitteln ruhig.

Übermüdet und völlig verzweifelt sehen sich immer mehr Eltern dazu getrieben, ihr Kind nachts mit allen Mitteln zum Schlafen zu bringen – koste es, was es wolle. Und das bedeutet in immer mehr Fällen frei erhältliche Schlafmittel zu verabreichen.

Erschreckende Tests zeigen wie mühelos Eltern Schlafmittel in der Apotheke bekommen. Wenn Kinder nicht einschlafen können, bekommen sie einfach ein paar „Zaubertropfen“. Und immer mehr Eltern in Deutschland stellen Kinder mit Schlafmitteln ruhig – ein gefährlicher Trend, vor dem Mediziner warnen. „Es kann – auch bei niedrigen Dosen – zum Atemstillstand kommen“, sagte Hermann Josef Kahl, Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ).

Schlafmittel für Kinder sind gefährlich: Sie können psychisch abhängig machen und innere Organe wie Leber und Niere schädigen. Außerdem könnten die Mittel, die auf das Gehirn wirken, abhängig machen, erklärt Kinderkardiologe Hermann Josef Kahl. Oft sind es unter anderem Hustenstiller oder Allergiemittel, von denen sich die Eltern Ruhe versprechen. Diese Medikamente sind frei verkäuflich und nicht rezeptpflichtig. Sie den Kindern einfach zu geben, damit sie besser schlafen, ist jedoch höchstgefährlich. Auch die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) warnte schon vor Jahren vor Schlafmitteln für Kinder.

Mediziner, Behörden und Politiker erkennen diese bedrohliche Entwicklung. Nach Einschätzung des bayerischen Gesundheitsministeriums geben inzwischen immer mehr Eltern ihren Kindern und sogar Säuglingen Schlafmittel. „Diesen gefährlichen Trend, den Kinderärzte und Wissenschaftler derzeit beobachten, müssen wir stoppen“, erklärt Ministerin Melanie Huml (CSU) und warnt vor „schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen für die Kinder“.

Das kann helfen: Erste Gute-Nacht-Rituale

Schon im ersten Lebensjahr entwickeln sich bestimmte Abläufe beim „Zubettbringen“. Nicht selten werden diese Abläufe vom Baby vorgegeben, dass z.B. nur im Elternbett einschläft oder immer eine bestimmte Melodie hören muss.

Im Kleinkindalter können Eltern das Gute-Nacht-Ritual langsam neu gestalten. Feste Bestandteile eines Gute-Nacht-Rituals sind das Anziehen der Schlafkleidung, das Putzen der Zähne und evtl. auch das Waschen bzw. Baden des Kindes. Bei vielen Familien gehört ein Lied oder ein Buch dazu.

Gute Voraussetzungen schaffen

Für ein entspanntes Zubettgehen braucht man Zeit. Ideal ist es, wenn Eltern ca. 90 Minuten vor der Schlafenszeit zuhause sind und spätestens 60 Minuten vor dem Schlafen zu Abend essen. Wildes spielen und toben sollte vermieden werden – auch wenn Eltern manchmal glauben dass Kinder davon noch mal richtig müde werden, geht der Schuss meistens nach hinten los. Also besser eine ruhige Atmosphäre schaffen.

Das Nervensystem von Kinder unter drei Jahren ist noch sehr empfindlich und so können die Medikamente laut Medizinern neben den zuvor genannten möglichen Schäden an Leber und Niere auch zu Atemstörungen bis hin zum Atemstillstand kommen.

Die Gesundheitsministerin rät überforderten Eltern, sich an ihre Hebamme, den behandelnden Kinderarzt, einen Psychologen oder sogenannte Schreiambulanzen zu wenden. Sie alle können betroffenen Eltern individuelle Hilfe zukommen lassen – und zwar ganz ohne Medikamente.

Auch sollten gestresste Eltern nicht davor zurückschrecken, gute Freunde und Verwandte zur Unterstützung hinzu zu ziehen. Muss das Kind nicht mehr gestillt werden, kann es problemlos für ein paar Stunden bei seiner Oma oder Tante sein. So können sich erschöpfte Mütter ein wenig erholen und neue Kraft schöpfen.

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