Vorlesestudie: Kinder bekommen von ihren Eltern selten vorgelesen

Christiane Jurczik

Viele Eltern lesen ihrem Nachwuchs selten oder nie vor, zeigt eine neue Studie. Dabei werden gerade damit wichtige Grundsteine für den schulischen Erfolg gelegt.

Vorlesen als Schlüssel für besseren sprachlichen Ausdruck, kognitive Fähigkeiten und nicht zuletzt die Entwicklung von Einfühlungsvermögen – so beschreibt die Stiftung Lesen die Vorteile für Kinder, wenn deren Eltern öfter zum Buch greifen würden.

Fast ein Drittel (32 Prozent) aller Eltern in Deutschland liest seinen Kindern im Alter zwischen zwei und acht Jahren selten oder nie vor. Das zeigt die Vorlesestudie 2019 der Stiftung Lesen, der Wochenzeitung „Zeit“ und der Deutsche Bahn Stiftung, für die 700 repräsentativ ausgewählten Eltern befragt wurden. Der Anteil hat sich im Vergleich zum Jahr 2013 geringfügig erhöht. „Selten“ definieren die Studienautoren dabei als höchstens einmal pro Woche. Acht Prozent der Eltern lesen ihren Kindern sogar nie vor.

Die Studie hat zudem herausgefunden, dass berufstätige Mütter mehr vorlesen, als nicht berufstätige. Im Vergleich lesen 27 Prozent berufstätiger Mütter zu selten vor, bei den nicht berufstätigen sind es 39 Prozent. Väter widmen sich weiterhin zu wenig dem Vorlesen, 58 Prozent von ihnen lesen selten oder nie vor.

Der Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen, Jörg Maas, sprach von einem skandalösen Befund. „Lesen ist Voraussetzung für Bildung„, betonte er.

Dabei ist regelmäßiges Vorlesen entscheidend für Vorstellungsbildung, Selbstbild und Sprachförderung von Kindern. „Sie verlassen in ihrer Vorstellung das Hier und Jetzt und merken, dass aus dem vorgelesenen Text eine eigene Welt entsteht“, sagt Petra Wieler, Professorin für Grundschulpädagogik mit dem Schwerpunkt Deutschdidaktik an der Freien Universität Berlin. Diese Fähigkeit zur Abstraktion sei für die sprachlich-kognitive Entwicklung von enormer Bedeutung.

„Kinder, denen viel vorgelesen wurde, sehen sich später eher als Leser“, erklärt Anita Schilcher, Professorin für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Universität Regensburg. Das erleichtert ihnen wiederum den Schulalltag. „Lesen lernen ist enorm komplex“, sagt Schilcher. „Kinder überwinden diese Klippe leichter, wenn sie motiviert sind und Vorbilder im Elternhaus haben.“

Zudem hören Kinder durch regelmäßige Gute-Nacht-Geschichten Schriftsprache mit ihrem komplexen Satzbau schon, bevor sie lesen lernen. „Dadurch fällt es ihnen leichter, die Bedeutung von Sätzen und Texten beim späteren Lesen zu erschließen“, sagt Schilcher. Auch der Wortschatz wird dadurch gefördert. „Er ist ein Prädiktor für fast alle schulischen Leistungen – für das Lesen lernen, das Schreiben und für den Aufbau von Weltwissen und Konzepten über die Welt“, sagt Schilcher.

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