Pornografie in Kinderhänden

(Aktion Kinder in Gefahr) Kinder lernen Pornografie heute so früh wie nie im Internet kennen. Erzieher und Politiker diskutieren Medienkompetenz und Handyverbote.

Pornografie in Kinderhänden, empfangen und verschickt über Smartphone und Tablet: Bereits unter 9- bis 11-Jährige kursieren Nacktbilder und Sexvideos. Deshalb hat Julia von Weiler, die im Fachbeirat des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung als Internetexpertin sitzt, ein Smartphone-Verbot für Kinder unter 14 Jahren angeregt. Von Weiler ist Vorsitzende des Vereins „Innocence in Danger“, der sich international für Kinder- und Jugendschutz im Internet einsetzt. „Ich sage nicht, dass sich mit einem Verbot alle Probleme lösen lassen“, sagte sie dem Tagesspiegel. „Aber man muss sich mit der Frage auseinandersetzen, ab wann es sinnvoll ist, Kindern ein Smartphone in die Hände zu geben.“

Der Sexualwissenschaftler Jakob Pastötter hält es für „verheerend, dass Kinder und Jugendliche damit aufwachsen“. Pornografie gehöre nicht in Kinderhände, weil sie eine Stimulanz sei wie Alkohol, Nikotin oder Drogen, die Heranwachsende nicht verarbeiten könnten. Verbote seien ein zweischneidiges Schwert, da sie die Dinge erst richtig interessant machten, sagte Pastötter, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualwissenschaft (DGSS), unserer Zeitung. „Andererseits werden Grenzen aufgezeigt. Verbote reichen nicht aus, aber es ist nötig, Stellung zu beziehen.“

„Pornografie ist nicht harmlos“, sagte die Diplom-Psychologin Tabea Freitag bei der Vorstellung von „Fit for Love?“. In ihrer psychotherapeutischen Praxis erlebt sie zunehmend Fälle, in denen fünf-oder sechsjährige Mädchen von ihren Brüdern oder Cousins zu sexuellen Handlungen genötigt wurden. „Die Kinder spielen die Szenen nach, die sie gesehen haben“, sagte Freitag. Elf- oder 13-jährige Jungen kämen von sich aus nicht auf die Idee, ihre kleinen Schwestern zu missbrauchen. Weitere Ratsuchende in ihrer Praxis seien Paare mit massiven Beziehungsproblemen durch exzessiven Pornokonsum. Wer an den schnellen und jederzeit verfügbaren Kick gewohnt sei, verliere sein Interesse und seine Empathie für die Partnerin. In der öffentlichen Diskussion werde der Pornokonsum von Kindern und Jugendlichen noch immer weitgehend bagatellisiert, sagte der Diplom-Pädagoge und Leiter der Fachstelle return, Eberhard Freitag. Das gängige Argument laute: Es gehe ja nur um Sex, und der sei doch nur natürlich.

Internationale Studien, darunter aus Schweden, aber belegten, dass sich mit der Häufigkeit des Konsums auch das Verlangen nach härteren Bildern, etwa nach Gewalt-, Sodomie- oder Kinderpornografie, wachse. „Unsere Kinder und Jugendlichen wachsen mit diesen Bildern auf. Je häufiger sie sie konsumieren, desto mehr trennen sie Sexualität von jeglicher Form von Beziehung und halten Promiskuität für normal“, kritisiert Tabea Freitag. „Wir müssen uns nicht darüber wundern, warum zwölfjährige Mädchen Nacktfotos von sich via Smartphone versenden.“

Im Paragrafen 184 des Strafgesetzbuches ist es verboten, Nutzern unter 18 Jahren pornografische Inhalte zugänglich zu machen. Oft können Nutzer ihre „Volljährigkeit“ aber durch einen einzigen Klick ohne weitere Prüfung bestätigen.

Darüber hinaus berichten Betroffene über ihre Sucht nach Internetpornografie. Zu Wort kommen auch ehemalige Pornostars, die über die menschenverachtenden Arbeitsbedingungen in dieser milliardenschweren Industrie berichten.

Ob Fernsehen, Computerspiele oder Handynutzung – Kinder brauchen einen zeitlichen Rahmen, um gut mit Medien umgehen zu können. Eltern und Kind sollten daher gemeinsam überlegen, wie viel Zeit sie der Mediennutzung am Tag einräumen wollen und welche Medien dem Kind dabei besonders wichtig sind. Eltern müssen Vorbilder sein und feste Handynutzungszeiten vereinbaren.

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