Digitale Gefahr für Kinder: Die dunkle Seite der (a)sozialen Medien

Christiane Jurczik

Soziale Medien haben auch eine dunkle Seite. Besonders Kinder und Jugendliche machen immer wieder negative Erfahrungen. Sie werden nicht nur gemobbt, sondern kommen ungewollt mit Sex und Gewalt in Berührung. Vieles davon fällt unter das Strafrecht.

„Die Welt da draußen, so verroht sie manchmal ist, so schlampig und vulgär, so sexistisch und rassistisch und antisemitisch, ist in der Welt der Kinder angekommen“, beschreibt Simone Fleischmann, Vorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV). Eine große Rolle spielen dabei die sozialen Medien, die die Kommunikation in der Gesellschaft verändert haben – und damit auch die Kommunikation in den Schulen.

Es sind nur ein paar wenige Klicks, schon ist ein Foto vom Kopf der Klassenkameradin auf den Körper der Pornodarstellerin montiert und das Sex-Video an die ganze Jahrgangsstufe verschickt. Die Betroffene wird kurz darauf mit Nachrichten bombardiert – mit Worten und Aufforderungen, die üblicherweise nicht in einem Zeitungsartikel stehen. Die Folgen für die Jugendliche kann sich jeder ausmalen. Ein Einzelfall? Bei weitem nicht, betonen Lehrer und Polizisten gleichermaßen.

Beleidigung, Bedrohung, sexuelle Belästigung und Nötigung sowie Erpressung per Smartphone gibt es den Experten zufolge an nahezu jeder Schule. Doch oft genug bekommen die Erwachsenen diese Fälle gar nicht mit denn die Opfer schweigen oft aus Scham und die Mitwisser aus Angst.

„Wenn man früher Konflikte zwischen Schülern hatte, dann hat man das gesehen, dann gab es eine Prügelei oder einen lautstarken Streit. Da konnte man als Pädagoge eingreifen“, sagt Ilka Hoffmann, die Schulexpertin der Bildungsgewerkschaft GEW. „Jetzt läuft das alles verdeckt ab.“
Täter verstecken sich immer wieder in der Anonymität des Netzes – bei den Opfern sieht das ganz anders aus. „Die Opfer suchen die Ursachen bei sich. Das führt zu ganz massiven Selbstwertschädigungen“, erklärt die Expertin weiter. Die meisten zögen sich stark zurück. Während Jungs manchmal aggressiv würden, komme es bei Mädchen häufiger zu selbstverletzendem Verhalten.

Das erleben auch Esther Papp und Cem Karakaya immer wieder. Sie befassen sich am Polizeipräsidium München mit Prävention und haben täglich mit Sexting, Sextortion, Cybermobbing und Cybergrooming zu tun – Begriffe, die viele Eltern noch nie gehört haben, im Leben vieler Kinder aber Alltag sind.

Unter Sexting versteht man die zunächst freiwillige, sexuell motivierte Kommunikation durch Chatnachrichten oder freizügige Aufnahmen, die unter Jugendlichen oft als Liebesbeweis eingefordert werden. Sextortion wird daraus, wenn diese Bilder oder Videos zur Erpressung eingesetzt werden. Cybermobbing ist das Fertigmachen und Bloßstellen Einzelner über digitale Medien, meist über einen längeren Zeitraum.
Und Cybergrooming ist die digitale Kontaktaufnahme zu Minderjährigen mit dem Ziel, ein digitales oder reales sexuelles Verhältnis zu beginnen. Oft geben sich dabei erwachsene Täter als Jugendliche aus.

Die Dunkelziffer ist hoch

Exakte Zahlen zu diesen Phänomenen gibt die Kriminalstatistik nicht her. “Wir könnten als Polizei pro Tag pro Schule mindestens 400 Handys beschlagnahmen und Anzeigen erstellen”, ist Karakaya überzeugt. Der Beamte geht regelmäßig an Münchner Schulen, um das Bewusstsein der Heranwachsenden zu schärfen. Völlig nüchtern resümiert er, dass Pornos für Siebtklässler inzwischen Alltag sind.

Die Folgen reichen bis zum Suizid

“Wir möchten die Täter nicht bloßstellen”, sagt Karakaya über den Ansatz der polizeilichen Präventionsarbeit. “Stattdessen soll jedes Kind nachvollziehen können, wie sich die Opfer fühlen.” Diesen geben die Beamten den Ratschlag, sich so früh wie möglich an einen verantwortlichen Erwachsenen zu wenden, Übergriffe etwa per Screenshot zu dokumentieren und im Zweifel auch Anzeige zu erstatten, “um zu zeigen, dass du dir nicht alles gefallen lässt und dich wehrst.

“Das sind knallharte Sachen, die die Jugendlichen psychisch gar nicht verarbeiten können”, erlebt auch Papp immer wieder. Die Folgen reichten bis hin zum Suizid. Karakaya rät den Schülern deshalb, sich immer zwei Fragen zu stellen, bevor sie etwas posten: “Muss das sein? Und kann es sein, dass ich es später – vielleicht schon morgen – bereue?” Oft erlebe er, dass die Schüler regelrecht schockiert seien, wenn er ihnen zeige, welche Informationen Facebook & Co. über sie preisgeben.

Die Beamten wissen, dass ihre Arbeit nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. Sie sehen in erster Linie die Eltern in der Verantwortung – doch die setzten sich mit den Gefahren der digitalen Welt viel zu selten auseinander, geschweige denn, dass sie den Weg mit ihren Kindern gemeinsam beschreiten würden.

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