Generation XXL: Deutschlands Kinder werden immer dicker

Christiane Jurczik

Die Häufigkeit von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen ist in den letzten Jahren auch in Deutschland auf besorgniserregende Weise angestiegen.

Fast jedes siebte Kind in Deutschland ist nach verschiedenen Studien inzwischen übergewichtig. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schlägt Alarm. Gründe für das Übergewicht gibt es viele: Der Schulsport ist zu kurz oder zu schlecht, und die Eltern sind ihren Kindern ein schlechtes Beispiel im Hinblick auf ihr Sportverhalten in ihrer Freizeit.

Smartphone statt Sport

Den Hauptgrund jedoch sehen viele Ernährungsberater, Lehrer und Schulpsychologen darin, dass Kinder und Jugendliche in ihrer Freizeit, meistens aufgrund der stundenlangen Nutzung von Handy, Computern und Spielekonsolen und nicht mehr so viel Sport treiben. Eigentlich ist dies überraschend, da es immer mehr Möglichkeiten gibt, allerleine Sport zu treiben. Ausgefallene Sportarten und Fitnessstudios schaffen es jedoch meist nicht, Jugendliche für sich zu begeistern.

Eine anhaltend schlechte Ernährung kann lebenslange Folgen mit sich bringen. Daher stellen sich unweigerlich die Fragen: Was essen und trinken Kinder in Deutschland und inwiefern spielt der soziale Status ihrer Familien eine Rolle?

In Deutschland leben derzeit ca. 2,7 Million Kinder in direkter Armut oder in sozial gefährdeten Verhältnissen. Daran ändert auch Hartz IV nichts, wie der Paritätische Gesamtverband herausfand: Seit der Einführung von Hartz IV stagniert der Anteil benachteiligter Kinder in Deutschland auf fast gleichbleibend hohem Niveau. Jedes siebte Kind unter 15 Jahren lebt von Hartz IV. In Ostdeutschland ist es sogar jedes vierte Kind.

Ein Tagessatz in Hartz-IV-Haushalten reicht nicht für eine gesunde Ernährung, noch nicht einmal dann, wenn ausschließlich in Billig-Discountern eingekauft wird. Für ein gesundes Frühstück, Mittagessen, Abendbrot und einen kleinen Snack zwischendurch werden pro Tag rund 6 Euro benötigt. Der Hartz-IV-Regelsatz für die Ernährung von Kindern beträgt jedoch nur im Schnitt nur 3,49 Euro.

Aber nicht nur Kinder aus finanziell bedürftigen Familien sind betroffen. Ernährungsbedingte Krankheiten ziehen sich durch die ganze Gesellschaft. Auch der Schuleintritt bringt für die meisten Kinder eine starke Veränderung mit sich, denn das lange Sitzen verbunden mit weniger Bewegung birgt Gefahren für die Gesundheit.

Derzeit sind 15,4 Prozent der 3- bis 17-jährigen als übergewichtig einzustufen; 6 Prozent davon leiden gar an einer krankhaften Übergewichtigkeit (Adipositas). Zu diesem Ergebnis kommt die Langzeitstudie KiGGs Welle 2 zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland des Robert-Koch-Instituts. Die Folgen für die Betroffenen sind oftmals seelische und körperliche Probleme, die wiederum Konsequenzen für ihre private und berufliche Zukunft mit sich bringen können.

Die Ergebnisse der vorangegangenen Studie zeigen auch, dass Kinder beispielsweise deutlich zu viele Fleisch- und Wurstprodukte zu sich nehmen. Bei den 12- bis 17-jährigen Jungen überschreiten 86 Prozent die empfohlene Menge, während lediglich 29 Prozent ihren Bedarf an Obst und Gemüse decken.

Sehr selten sind Hormon- oder Stoffwechselstörungen die Ursache

Seit Mitte der 1970er Jahre sind weltweit immer mehr Kinder und Jugendliche übergewichtig oder adipös. Auch wenn Gene zu etwa 50 Prozent für Körpergewicht und Fettmasse bei Heranwachsenden verantwortlich sind, erklärt dies nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie e.V. (DGE) nicht allein die große Anzahl Betroffener in dieser Altersgruppe. Verantwortlich für zu viele Kilos sei vielmehr häufig ein Zuviel an Essen und Trinken in Kombination mit zu wenig Bewegung. Dies führe zu einer sogenannten positiven Energiebilanz. Werde sie regelmäßig – auch nur geringfügig mit 50 Kilokalorien pro Tag – überschritten, mache sie dick.

Zu einem angemessenen Lebensstandard gehört natürlich auch eine gesunde Ernährung. Sie ist der Grundstein für körperliches Wohlbefinden. Doch in keinem europäischen Land leben so viele übergewichtige Kinder wie in Deutschland.

Fast jedes siebte Kind ist zu dick. Eine gesunde Ernährung ist für Familien in finanziellen Notlagen nicht möglich. Sie können sich frisches Obst und Gemüse schlicht nicht leisten. Zudem weiß die Lebensmittelindustrie Zucker und Fett geschickt zu verstecken und besonders Kinder mit cleverer Werbung, verlockenden Verpackungen und auf Kindergrößen ausgerichtete Produktplatzierungen auszutricksen.

Foodwatch will Werbeverbot für ungesundes Essen

Die Verbraucherorganisation Foodwatch ist umsichtig und erkennt auch eine Ursache bei der Lebensmittelindustrie. Sie sei mitverantwortlich für den dramatischen Anstieg der Fettleibigkeit bei Kindern, sagte Foodwatch-Kampagnenleiter Oliver Huizinga. „90 Prozent aller Lebensmittel, die in Deutschland gezielt an Kinder vermarktet werden, entsprechen nicht den Anforderungen der WHO an ausgewogene Kinderprodukte.“ Er forderte ein Werbeverbot für ungesunde Kinderprodukte.

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