Verlernen Kinder das Schreiben mit der Hand?

Christiane Jurczik

Die Handschrift ist eine der größten kulturellen Errungenschaften der Menschheit: Dank ihr konnten Menschen ihr Wissen konservieren. Schrift ermöglichte es, komplexe Gedanken und Ideen unabhängig von Zeit und Raum an andere Menschen weiterzugeben.

Aber während früher auf Steintafeln, Papyrus und später auf Papier notiert wurden, löst sich die Schrift heute immer mehr von ihrer physischen Grundlage. Heute schreiben und speichern wir vieles nur noch auf unseren Smartphones und Computern und laden es in die Cloud hoch. Immer seltener greifen wir zum Stift, immer häufiger tippen wir auf Displays und Tastaturen herum. Oft findet sich die Handschrift nur noch in Notizen oder auf Grußkarten.

Richtig mit der Hand zu schreiben, das lernen Kinder in der Grundschule: Bis zum Ende der vierten Klasse sollen ABC-Schützen eine lesbare und flüssige Handschrift entwickeln. So geben es die aktuellen Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz vor.

Doch die Realität an vielen Schulen sieht auch am 23. Januar, dem Internationalen Tag der Handschrift, anders aus. In der bundesweiten Studie „STEP 2019“, im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), klagen drei Viertel der befragten Lehrkräfte über das mangelhafte Schriftbild ihrer Schüler. Mehr als ein Drittel der Grundschüler hätten demnach Probleme, eine gut lesbare, flüssige Handschrift zu entwickeln. Fast zwei Drittel der Jugendlichen in höheren Klassen könnten nicht länger als 30 Minuten beschwerdefrei schreiben. Schulformübergreifend beklagen heute 93 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer eine unleserliche Handschrift ihrer Schülerschaft. Verkeilte Buchstaben, stockende Bewegungen – und großer Frust: Deutschlands Schülern fällt es immer schwerer, eine vernünftige Handschrift zu entwickeln. Nach niederschmetternden Studienergebnissen sprechen Forscherinnen und Lehrer schon von der „Handschriften-Katastrophe“. Die Expertin Maria-Anna Schulze Brüning will nun, dass von den vier gängigen Schriften nur noch eine gelehrt wird, die „Schulausgangsschrift“. 

Bildungsstudien wie Vera oder Pis drehen sich um die Lesefähigkeit, also die notwendigen Kompetenzen, um Texte zu verstehen, und um mathematisches Verständnis. Beim Schreiben wird in bildungspolitischen Diskussionen vor allem die Rechtschreibung problematisiert. Immerhin 53 Prozent der Lehrer sehen die „fortschreitende Digitalisierung der Kommunikation“ als Grund.

Auch Britische Experten warnen davor, dass immer weniger Kinder einen Stift richtig halten können. Mit der Zunahme von Touchscreens scheint es, dass die Handschrift an Bedeutung verliert – sowohl im täglichen Gebrauch als auch im Bildungsbereich.

„Kinder, die in die Schule kommen, erhalten einen Stift, können ihn aber nicht mehr halten, weil sie nicht die grundlegenden motorischen Fähigkeiten besitzen“, berichtete Payne. Mit der Hand zu schreiben, fordert die Handmuskeln anders als die Wisch- und Klopfbewegungen, die ein Weiterkommen auf Touchscreens ermöglichen. Payne verdeutlichte, dass sich bei Kindern auch das Spielen verändert hat. Es sei einfacher, einem Kind ein Tablet zu geben, als es zu ermutigen, mit Bausteinen zu spielen, zu basteln oder Spielzeug (auf Rädern) an einer Schnur hinter sich her zu ziehen und damit u.a. Handmuskeln und Motorik auszubilden. Aus diesem Grund entwickelten Kinder nicht die grundlegenden Fähigkeiten, die sie bräuchten, um einen Bleistift zu ergreifen und zu halten. Das Handschreiben ist vielmehr grundlegend für die Lesefähigkeit, die Rechtschreibung und für das Textverständnis – und damit für die schulischen Leistungen insgesamt. Zu Recht stellten Dreiviertel der befragten Lehrkräfte einen Zusammenhang mit dem Handschreiben und den schulischen Leistungen her. „Mit der Hand zu schreiben aktiviert zwölf verschiedene Areale im Gehirn – von der Wahrnehmung über die Verarbeitung von Informationen bis zur motorischen Ausführung“, so die Experten.

Eine Stunde Training pro Woche reicht

Handschreiben und Digitalisierung seien „keine Gegensätze“, betont Diaz Meyer. Werde mit einem Stift auf dem Tablet oder anderen digitalen Oberflächen geschrieben, sei das ebenso wertvoll. Gemeinsam mit den Unis in Regensburg, Darmstadt und Nürnberg wolle das Schreibmotorik-Institut jetzt erforschen, wie sich das Handschreiben in die schulische Nutzung digitaler Medien integrieren lasse. Ein entsprechender Antrag laufe beim Bundesbildungsministerium.

Doch schon für herkömmliche Schreibübungen mit Stift und Papier fehlt es an den Grundschulen an Zeit. Und an den weiterführenden Schulen sind Schreibübungen gar kein Thema mehr, wie Diaz Meyer kritisiert. Sie plädiert für gezieltes fein- und schreibmotorisches Training von der Kita bis in die Sekundarschule. Eine Studie ihres Instituts mit Schreibanfängern hat 2017 ergeben, dass eine Stunde Training pro Woche ausreicht, „damit Kinder signifikant besser und schneller schreiben lernen“. Dabei malen sie etwa mit Farbstiften Kringel, Wellen- und Zickzacklinien, die zunehmend die Gestalt von Buchstaben annehmen.

Foto de Vintage creado por jcomp – www.freepik.es

>