Warum gute Umgangsformen für Kinder wichtig sind

Christiane Jurczik

Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Familie, Zuverlässigkeit, Vertrauen, Gerechtigkeit, Treue, Höflichkeit, Pünktlichkeit, Freundlichkeit, Respekt, Hilfsbereitschaft, Freundschaft, Tradition, Fleiß, Loyalität und Offenheit – alles Eigenschaften die noch vor gar nicht langer Zeit wie selbstverständlich zu unserem Alltag gehörten.

Doch leider verschwinden diese wertvollen Tugenden immer mehr aus unserem Leben und an ihre Stelle treten zu oft Egoismus und Respektlosigkeit.

Doch dabei sollten schon die Kleinsten einiges über Höflichkeit lernen, denn der respektvolle Umgang miteinander gehört zu den Eckpfeilern unserer Gesellschaft. Und die Vorbildfunktion der Eltern spielt dabei eine große Rolle.

Neben der positiven Atmosphäre, die durch einen höflichen Umgang miteinander geschaffen wird, gibt Höflichkeit auch Sicherheit. Mit den wichtigsten Regeln lernen Kinder in ungewohnten und neuen Situationen automatisch das richtige Verhalten an den Tag zu legen. Das wird ihnen auch im späteren Erwachsenenleben nützlich sein.

Je nach Entwicklungsstufe gibt es auch eine Aufnahmefähigkeit für bestimmte Regeln. Schon ganz kleine Kinder können zum Beispiel verstehen, dass es Situationen gibt, in denen wir uns weniger geräuschvoll verhalten als in anderen“, erklärt Hans-Michael Klein. Der Experte für gutes Benehmen führt weiter aus: „Wenn man Kinder sozial kompatibel erziehen will, gehören ‚Bitte‘ und ‚Danke‘ einfach dazu. Auch darauf sollte man achten, und zwar von Anfang an und egal, wo. Man darf nicht drei Jahre lang nichts tun und dann plötzlich mit den Erziehungsmaßnahmen anfangen.“ Der Leiter der Knigge-Akademie hält dieses elterliche Verhalten für das Grundübel, wenn es an gutem Benehmen fehlt

Wichtig ist der Respekt

Denn: Wundern wir uns nicht selber über das Nachbarskind, wenn es uns düster und stumm anglotzt, statt ein schlichtes «Hallo» zu sagen? Oder ärgern uns gar, wenn die Tochter der besten Freundin, kaum zur Tür rein, “cool“ schreit, sich über den Kuchen hermacht und die Dekoration obendrauf abpflückt und in den Mund steckt? Finden wir das nicht alle ziemlich befremdend, um nicht zu sagen unanständig, vor allem, wenn die Mutter nicht dran denkt, einzuschreiten? Und garantiert bleibt einem die Spucke weg, wenn der Freund der Teenagertochter sich einfach mal so aus dem Kühlschrank bedient, ohne zu fragen. Sind wir deswegen verstaubt und konservativ, zu wenig locker?
„Nein“, findet Annette Cina, Psychologin am Institut für Familienforschung und -beratung der Uni Fribourg. „Da darf man sich schon daran stören. Anstandsregeln braucht es für ein angenehmes Zusammenleben. Egal, ob in der Familie oder in der Gesellschaft“, sagt auch Melitta Steiner, Sozialpädagogin bei der Kinderberatungsstelle Pinocchio in Zürich. Regeln würden meist von der älteren an die neue Generation weitergegeben und somit die kulturellen Werte einer Gesellschaft sichern. Danke sagen, jemandem den Vortritt lassen, drückt Respekt aus, so Steiner. Und darum gehe es letztendlich.

Ob man von gutem Benehmen, einwandfreien Manieren oder entsprechenden Umgangsformen spricht – gemeint ist letztendlich immer das Gleiche: der Respekt vor dem Anderen. „Gutes Benehmen bedeutet, sich im sozialen Miteinander adäquat zu verhalten. Im Prinzip sollen die Kinder sich in unserem Sozialgefüge bewähren, also so anpassen, dass sie nicht stören, indem sie die Grenzen anderer übertreten.“ Schreiend durch ein Restaurant rennen, sich am Telefon nur mit einem muffligen Grunzen melden oder sich am Buffet vordrängeln – alles Verhaltensweisen, die dem Knigge-Experten immer wieder negativ auffallen: „Wir erziehen die Kinder zu kleinen Tyrannen, die sozial nicht mehr kompatibel sind.“ Er ist fest davon überzeugt, dass Kinder das tun sollten, was die Eltern sich von ihnen wünschen: „Meines Erachtens nach entsteht viel Elend dadurch, dass Eltern ihre Kinder auf Augenhöhe behandeln und sich gar nicht trauen, zu sagen, wo es langgeht. Denn eigentlich sollte ein Kind in der Lage sein, klare Anweisungen auch ohne großes Theater zu befolgen.“

Neben den allgemeinen Regeln der Höflichkeit ist auch gutes Benehmen ein wichtiger Punkt, den Kinder frühzeitig lernen sollten. In der Nase bohren, beim Husten nicht die Hand vor den Mund halten, andere zu unterbrechen, Blickkontakte vermeiden, Unpünktlichkeit oder ein allzu schlampiges Outfit kommen in der Umwelt oft nicht gut an. Erklären Sie Ihrem Kind bei allen Regeln, die Sie aufstellen und allem, was Sie ihm an gutem Benehmen abverlangen, auch den Grund dafür.

Man tue Kindern keinen Gefallen, wenn man ihnen gewisse Regeln nicht beibringe. „Schwierigkeiten sind meist vorprogrammiert, so Steiner, und diese müssen letztlich die Kinder aushalten.“
Spätestens im Kindergarten und der Schule wird ein Kind mit klaren Regeln konfrontiert. Hat es gewisse Anstands- und Umgangsregeln nicht gelernt, eckt es an, weiß dann aber oft gar nicht warum. Dies führe zu unnötigen Spannungen und Verunsicherungen. Kinder möchten ihre Sache in der Regel gut machen und bei anderen gut ankommen, sagt Steiner. Sie können nichts dafür, wenn unhöfliches Benehmen von den Eltern nie sanktioniert wurde. Natürlich kann Hans noch lernen, was Hänschen nicht gelernt hat. Das gilt auch für den Anstand.

Einfacher aber ist es, wenn man den Kleinen von Anfang an vormacht und vorlebt, wie man miteinander umgeht. Die Familie ist das beste Übungsfeld – Kinder sind nämlich Spezialisten im Beobachten und Nachahmen.

Dann, wenn Kinder sich um eine Ausbildungsstelle bewerben, zeigt sich der Wert von respektvollem und freundlichem Verhalten besonders. Jugendliche, die beim Vorstellungsgespräch sicher in den Regeln der verbalen und nonverbalen Höflichkeit sind, machen einen guten ersten Eindruck und haben deutlich bessere Chancen auf einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz. Das klappt aber nur, wenn sich das Kind die Umgangsformen bereits verinnerlicht hat. Höflichkeit lernt man nicht in wenigen Wochen, sondern durch stetes Training ab dem Kleinkindalter.

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