Pornografie: Zahl der Konsumenten steigt – das Eintrittsalter sinkt

Christiane Jurczik

Obwohl jeder Zugang von Pornos an unter 18-Jährige gesetzlich verboten ist: Mehr als 70 Prozent der männlichen Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren konsumiert täglich bis wöchentlich Pornografie, jeder fünfte Junge sieht täglich Pornos Auch Mädchen sind zunehmend betroffen. Internet-Pornoseiten gewähren Kindern oft freien Zugang. Weil ihre Betreiber meist im Ausland gemeldet sind, hindert der Staat sie nicht daran.

Durch den immer früheren Zugang zu Smartphone und Internet sind nicht selten schon 8-Jährige auf gewalttätigen Seiten extremer Pornografien, die sie verstört und traumatisiert. Mehr als die Hälfte aller elf- bis dreizehnjährigen Kinder haben bereits pornografische Bilder oder Filme gesehen (BBFC, 2019). Bei den 16-19-Jährigen sind es bereits 98 Prozent der Jungen und 81 Prozent der Mädchen (Weber et al, 2012). Zahlreiche Studien belegen:

In einer aktuellen Studie gab die Hälfte der befragten Studenten an, Pornografie vor dem 13.Lebensjahr  konsumiert zu haben, 84 Prozent der Studenten und 19 Prozent der Studentinnen konsumieren ein- bis mehrmals in der Woche Pornos. Über die Auswirkungen dieses Konsums wird kaum öffentlich debattiert.

Es gibt noch weitere Studien mit erschreckenden Ergebnissen: Regelmäßiger Pornokonsum erhöhe die Neigung zur Anwendung sexueller Gewalt. In der Dokumentation „Milliardengeschäft Porno – Internet-Sex ohne Jugendschutz“ berichtet eine Pornodarstellerin von inszenierten Vergewaltigungen. Die erfolgreichsten Pornofilme zeigen männliche Dominanz, Demütigung und Gewalt gegen Frauen.

Sogar ein Pornofilmhändler spricht von einem riesen Skandal. Es geht um die Pornografie im Internet und ihre permanente Verfügbarkeit für Altersgruppen, die dafür entschieden zu jung und somit nicht geeignet dafür sind – wenn überhaupt je ein Mensch dafür geeignet ist…

Dass Pornokonsum der kindlichen Psyche schadet, ist unter Fachleuten unumstritten. Dem entspricht die Gesetzeslage hierzulande: Pornografie darf erst Volljährigen zugänglich gemacht werden. Doch die Realität im Internet sieht anders aus. In Deutschland kann heute jeder Zehnjährige auf seinem Smartphone Hardcore-Sex anschauen, bevor er wieder auf den Kinderkanal wechselt.

Die Erziehungswissenschaftlerin Sabine Maschke hat bei einer Befragung von 3000 hessischen Schülern zwischen 14 und 16 Jahren herausgefunden, dass die sexuelle Gewalt unter Jugendlichen deutlich zugenommen habe. Laut ihrer Studie haben 35 Prozent der befragten Mädchen bereits Erfahrungen mit sexualisierter körperlicher Gewalt gemacht. Weiterhin sieht sie einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Pornokonsum männlicher Jugendlicher und der Anwendung von sexueller Gewalt.

Weiterhin wird Pornografie tabuisiert

Da die Mediennutzung oft heimlich passiert, müssen Kinder und Jugendliche mit der Verarbeitung dieser Inhalte allein und ohne elterliche oder schulische Einflussnahme zurechtkommen. Der Umfrage zufolge spricht mehr als die Hälfte der Jugendlichen nach dem Erstkontakt mit niemandem darüber, nur 4 Prozent diskutieren den Vorfall mit Lehrern oder Eltern. Eltern und Lehrer spielen nur eine nachgeordnete Rolle. Das Fehlen von Orientierung durch Erziehungspersonen ist ein ernstes Problem.

Es führt deutlich vor Augen, dass die Erstkontakte im heutigen Online-Zeitalter schon sehr früh stattfinden. Zudem verdeutlichten die Befunde, dass es sich nicht um ein randständiges Mediennutzungsphänomen handelt. Es sei vielmehr eine weit verbreitete Form der jugendlichen Mediennutzung.

Anne Sophie Wöhrle, die zusammen mit ihrem Mann Christoph das Buch ‚Digitales Verderben‘ geschrieben hat: „Viele Studien deuten darauf hin, dass die Jugendlichen verunsichert sind, weil das ein Thema ist, das sie gar nicht erlebt haben. Den Teenagern fehlen eben oft noch die sexuellen Erfahrungen. Und so werden Porno-Darsteller als Vorbilder gesehen. Das führt sogar dazu, dass sich junge Mädchen bei Frauenärzten eine Intim-Operation wünschen, um so auszusehen, wie die Frauen in den Videos.“

Maßnahme gegen Webportale

Die von den Landesmedienanstalten gebildete Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) geht gegen Anbieter pornographischer Webseiten mit Sitz im Ausland vor. Anfang Mai habe man Maßnahmen gegen drei Webportale beschlossen, die in Zypern gemeldet sind, teilte die Kommission mit. Handeln soll es sich um die Angebote Youporn, Pornhub und Mydirtyhobby, hinter denen ein und dasselbe Unternehmen steht.

Diese drei Portale werden von der KJM „beanstandet“. Sie dürfen in der gegenwärtigen Form nicht weiterbetrieben werden. Die Webseiten verstießen gegen den Jugendmedienschutz-Staatsvertrag, indem sie Pornographie frei zugänglich machten, ohne sicherzustellen, dass Kinder keinen Zugang haben, so die KJM. Gemäß Jugendmedienschutz-Staatsvertrag dürften „pornographische Angebote im Internet nur innerhalb einer geschlossenen Benutzergruppe für Erwachsene verbreitet werden, die mittels vorgeschalteter Altersverifikationssysteme hergestellt werden kann“. Anbieter mit Sitz in Deutschland kämen dieser gesetzlichen Verpflichtung in der Regel nach, bei Anbietern mit Sitz im Ausland sei die Rechtsdurchsetzung „grundsätzlich schwieriger“.

Deutschland braucht einen Nationalen Aktionsplan gegen Pornografie: https://www.aktion-kig.eu/aktionsplan-gegen-pornographie/

Foto: Pixabay

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