Sind Kinder heute unfreie Narzissten?

Christiane Jurczik

Laut Kinderpsychiater wachsen unsere Kinder zu unfreien Narzissten heran und werden nicht in der Lage sein zu arbeiten um ein produktives Mitglied unserer Gesellschaft zu werden.

Das aktuelle Bildungssystem führe dazu, dass die Kinder sich zu „Narzissten und Egozentrikern“ entwickeln, die „sich die nicht auf Andere achten, sich nur um sich selbst drehen und lustorientiert in den Tag leben“. Kinder sollen viel selbst entscheiden: wo sie spielen, was sie lernen. „Offenes und freies Arbeiten“ ist in Kitas und Schulen sehr beliebt. Doch die Konzepte wirken sich fatal auf die Psyche unserer Kinder aus, so Michael Winterhoff.

Offene Kitas sind hochgradig schädlich für die Kinder, weil sie sich hier psychisch nicht entwickeln können. Ihnen wird eine Welt vorgegaukelt: Du kannst alles alleine, du machst alles alleine, das Leben besteht nur aus dir und Lust und Laune. Das ist eine große Katastrophe.

Unter anderem bemängelt der Psychiater: „Soft Skills, Arbeitshaltung, die Fähigkeit, zwischen Arbeit und Privatem unterscheiden zu können: Das können immer weniger Schulabgänger heutzutage. Sie haben keinen Sinn mehr für Pünktlichkeit. Strukturen und Arbeitsabläufe zu erkennen, fällt ihnen schwer.“

Schuld daran sei das deutsche Bildungssystem, in dem seit einigen Jahren verstärkt auf selbstständiges Lernen gesetzt werde, was bedeute, dass Kinder sich möglichst viel selbst beibringen sollen. Doch statt Lernbegleitung bräuchten die Kinder Lehrer, die für die Kinder Bezugspersonen sind, an denen sie sich „orientieren und entwickeln“ können, so der Psychiater.

Das aktuelle Bildungssystem führe dazu, dass die Kinder sich zu „Narzissten und Egozentrikern“ entwickeln, die „sich die nicht auf Andere achten, sich nur um sich selbst drehen und lustorientiert in den Tag leben“.

Lehrer haben einen großen Teil von Schülern da sitzen, die Kleinkinder geblieben sind“

Seine Thesen formuliert er so: Jugendliche Schüler sind auf dem Niveau von Kleinkindern, Studienabsolventen brauchen Nachhilfe in Deutsch sowie in Mathe.

Glaubt man den Worten von Michael Winterhoff, Kinder- und Jugendpsychiater aus Bonn, laufen wir auf eine Katastrophe zu. Denn so, wie unsere Gesellschaft funktioniert, wird sie mit den Kindern und Jugendlichen, die derzeit heranwachsen, nicht weiterbestehen. Den Kindern fehle soziale Kompetenz, in Jobs sind das die sogenannten Soft Skills. Ein Gespür für Situation, das Setzen von Prioritäten, das Erkennen von Handlungsbedarf – Fehlanzeige. Auf 50 Prozent der Kinder trifft das heute zu, sagt der 64-Jährige. Und er führt diese Entwicklung nicht auf mangelnde Erziehung zurück, sondern auf die fehlende „erworbene Intelligenz“. Und das liege daran, dass Kindern ein Gegenüber fehle, eine menschliche Person, mit der sie sich auseinandersetzen. Das Bildungswesen habe sich in die falsche Richtung entwickelt: autonomes Lernen (Kinder erarbeiten sich alles alleine), individuelles Lernen (Kinder entscheiden, auf welchem Niveau sie lernen) und Lehrer und Erzieher, die ihrem eigentlichen Beruf gar nicht mehr nachgehen, sondern nur noch sogenannte Lernbegleiter sind. Winterhoff hat seine Beobachtungen nun in dem Buch „Deutschland verdummt – Wie das Bildungssystem die Zukunft unserer Kinder verbaut“ herausgebracht.

Die wichtigsten Jahre, die das Kind hat, sind die ersten zehn, im Schwerpunkt die ersten sechs. Wenn Eltern das nicht leisten können – und das können immer mehr nicht –, dann müssen die Systeme außerhalb übernehmen. Wenn die aber in Richtung autonom lenken, sind die Kinder verloren.

Hier ein Ausschnitt aus einem Interview mit dem stern:

Auf die Psyche eines Kindes kann man nur durch Beobachtung schließen. Ich bin seit mehr als 30 Jahren tätig, ich habe also noch andere Kinder im Verhalten erlebt. Ich habe Standardsituationen geschaffen und da haben sich die Kinder in ihrem Verhalten gravierend verändert. Die Psychoanalyse hat sich mit der Persönlichkeitsentwicklung befasst und das Verhalten, das ich heute bei Kindern und Jugendlichen sehe, entspricht dem Verhalten eines Kleinkindes. Wenn ich früher einen Fünfjährigen gefragt habe: „Was machst du gern im Kindergarten?“, hat er gestrahlt und erzählt, was er da spielt. Wenn ich gefragt habe mit wem, hatte er die Namen der Kinder präsent. Er hat es mir so erzählen können, dass ich mir etwas darunter vorstellen konnte und er war im Affekt. Das heißt, wenn ich nach Freunden gefragt habe, war das Gefühl, dass das Kind dabei hatte, im Raum. Wenn man heute einen Fünfjährigen fragt, was er gerne im Kindergarten macht, dann kommt häufig die Antwort: „Weiß ich nicht.“ Wenn ich dann nachfrage, was man dort machen kann, tun manche Kinder so, als müssten sie lange nachdenken oder sie müssen vielleicht auch lange nachdenken. Dann kommt irgendwas wie: mit Autos spielen. Die Antworten sind ohne Affekt. Wenn ich nach den anderen Kindern frage, wissen viele gar nicht die Namen von denen, mit denen sie spielen. Sie nehmen nur sich wahr. Sie stehen auf einer Entwicklungsstufe von 10 bis 16 Lebensmonaten, das ist ein Abschnitt, wo man nur sich sieht und gar nicht erkennt, dass es ein Gegenüber gibt.

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