Immer mehr Jugendliche sind Medikamentenabhängig

Christiane Jurczik

Für immer mehr 15- bis 20-Jährige scheint das Schmerzmedikament Tilidin eine Modedroge. Der Gebrauch stieg innerhalb von zwei Jahren um das 30-fache.

Nach Angaben der gesetzlichen Kassen ist die Zahl von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die das Medikament Tilidin verschrieben bekommen haben, massiv gestiegen. 2017 waren es noch 100.000 definierte Tagesdosen, 2019 dann mehr als drei Millionen in der Altersgruppe der 15- bis 20-Jährigen. Das geht aus Daten der gesetzlichen Krankenkassen hervor.

Die Gründe für die Zunahme von Medikamenten-Missbrauch sind noch unbekannt. Aber bereits kleine Dosen machen abhängig. Gleich mehrere Fälle von Medikamenten-Missbrauch durch Jugendliche sind in der jüngeren Vergangenheit publik geworden. Jugendliche nehmen verschreibungspflichtige Beruhigungsmittel ein, um sich zu berauschen.

Xanax ist ein Anti-Angstmedikament in der Benzodiazepin-Klasse der Medikamente. Es wird verwendet, um das Nervensystem in einen entspannten Zustand zu versetzen – und so die Angst auf der Stelle zu stoppen.

Das Problem mit Benzodiazepinen im Allgemeinen ist, dass sie sehr süchtig machen. Schon nach wenigen Wochen kann es vorkommen, dass Menschen von ihnen abhängig werden. Sobald die Wirkung nachlässt, geht das Gehirn in einen Zustand der Überaktivierung über – mit schweren Angstattacken. Dies kann zu lähmender Schlaflosigkeit und emotionaler Instabilität führen.

Konsumenten entwickeln Größenwahn

Das Medikament macht schmerzfrei, verdrängt Angst: Jugendliche Gewalttäter bringen sich mit Tilidin in Stimmung, bevor sie Läden ausrauben oder Leute verprügeln. Bei Festnahmen wehren sich Verdächtige “wie die Berserker”, sagt die Polizei. Tilidin hat sich laut Polizeiangaben seit einigen Jahren in den Berliner Stadtteilen Neukölln und Wedding zu einer Trenddroge unter jugendlichen Kriminellen entwickelt. Wer sich mit Tilidin Mut antrinkt, ist kaltblütig und schmerzfrei genug, um andere Jugendliche abzuziehen, eine Schlägerei zu gewinnen oder eine Tankstelle auszurauben. “Die Konsumenten entwickeln eine Art Größenwahnsinn, fühlen sich vollkommen überlegen”, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter des Berliner Drogenkommissariats.

Nach Ansicht von Fachleuten spielt aber auch die amerikanische Hip-Hop-Kultur eine Rolle. Hier wird Medikamentenmissbrauch teilweise glorifiziert – so etwa vom Rapper Lil Peep. In seinen Texten ging es oft um seinen Medikamenten- und Drogenkonsum. Er war selber abhängig von Kokain, Ecstasy und Xanax. Ende November 2017 starb er kurz vor einem Konzertauftritt an einer Überdosis Xanax und einem Cocktail anderer Schmerzmittel. Diese Verherrlichung könnte laut Fachleuten auch Jugendliche beeinflussen und mitverantwortlich sein, dass auch bei jüngeren Teenagern der Missbrauch von Medikamenten zunimmt.

In der Deutsch-Rap-Szene spielt Tilidin schon seit Jahren eine Rolle, vor allem zwischen gewaltbereiten Gruppierungen in Berlin. Tilidin wird dort etwa als Droge bei Schlägereien eingesetzt, um unempfindlicher zu werden. Seit 2017 thematisieren bekannte Deutsch-Rapper wie Capital Bra, Samra oder AK Ausserkontrolle wieder vermehrt Tilidin als Droge in ihren Songtexten. Der Song “Tilidin” von Capital Bra und Samra hat auf YouTube mehr als 65 Millionen Aufrufe.

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