Studie: Kitas in Deutschland generell mangelhaft

Christiane Jurczik

Kein guter Platz für Kinder

Wie die aktuelle Bertelsmann Studie bekannt gibt, sind Kindergärten weiterhin mit zu wenig Personal besetzt, dies wird durch Corona noch verschärft. In Westdeutschland kamen laut Studie 8,2 Kindergartenkinder auf eine Fachkraft. Somit ist die Hälfte der Kita-Gruppen zu groß. Deshalb führt die Personalknappheit zwar dazu, dass die Kinder zwar betreut werden, aber für Bildung und Erziehung das Personal fehlt. Gefordert werden einheitliche Ausbildungsstandards für Erzieherinnen und Erzieher, die auch angemessen bezahlt werden sollten.

Nicht mehr als ein Aufbewahrungsort

Als beunruhigend bezeichnet die Wirtschaftsjournalistin Birgit Marschall, die Ergebnisse der Studie. „Frühkindliche Bildung ist das A und O“, sagt sie. Es gehe dabei um die Menschen, die in Zukunft für den Erhalt des Wohlstands sorgen sollen. „Wir wissen ja, dass, weil wir ein Einwanderungsland sind, doch bei vielen Kindern erhebliche Sprachdefizite im Kindergartenalter sind.“ Damit sie überhaupt schulfähig seien, spiele die frühkindliche Bildung eine zentrale Rolle. Da reicht Betreuung alleine nicht aus. „Wir haben es mit einem großen Fachkräftemangel in der Bundesrepublik zu tun“, erklärt Nolte. „Die Schätzungen gehen von 160.000 bis fast 300.000, die uns in den nächsten Jahren fehlen werden, so dass wir da richtig Geld in die Hand nehmen müssen, um diesen Beruf wirklich attraktiv zu machen und junge Menschen für den Beruf zu begeistern.“

Unterschiede zwischen Ost und West

Wie die Studienautoren weiter herausfanden, nimmt das Personalgefälle im Vergleich zwischen Ost- und Westdeutschland ab. In den ostdeutschen Bundesländern galt dies für 93 Prozent der Kinder, in Westdeutschland für 69 Prozent. In Ostdeutschland kam auf 5,7 Krippenkinder eine Fachkraft, in Kindergärten waren es 11,3 im Vergleich zu 3,6 und 8,2 in Westdeutschland. Expertinnen empfehlen eine Verteilung von maximal drei Krippenkindern und 7,5 Kindergartenkindern auf einen Erzieher.

Während im Osten tendenziell Gruppen zwar häufiger eine kindgerechte Größe hätten, seien die Personalschlüssel weiterhin schlechter als in vielen westdeutschen Ländern. Andererseits ist das Qualifikationsniveau des Personals im Osten höher.

In Sachsen wurden 2019 mehr als 60 Prozent der unter Dreijährigen in Krippengruppen betreut. Laut Studie kommt eine Fachkraft in diesen Gruppen rechnerisch auf durchschnittlich 5,8 Kinder – die Bertelsmann-Stiftung empfiehlt hingegen einen Schlüssel von eins zu drei. Die meisten über Dreijährigen besuchen in Sachsen Gruppen mit einem Personalschlüssel von eins zu 12,2. Die Bertelsmann-Stiftung empfiehlt hier eine Erzieherin für 7,5 Kinder.

“Lernen in der Kita basiert auf einer Kind-zentrierten, dialogischen Pädagogik”, sagte der Psychologe und Leiter der Abteilung Kinder und Kinderbetreuung beim Deutschen Jugendinstitut, Bernhard Kalicki. Eine dichte Interaktion mit den Kindern benötige Zeit und damit natürlich eine angemessene Personalausstattung. Auch steige bei großen Gruppen die Arbeitsbelastung: “Mit der Gruppengröße kann der Lärmpegel stark zunehmen. Das stresst Kinder wie Personal und erschwert das Miteinander.” Die Qualität von Kitas hänge zudem noch stark vom Wohnort ab, hier braucht es “dringend eine Angleichung”, so Kalicki.

Immer jünger kommen Kinder in die Kitas und bleiben immer mehr Stunden

Kinder werden nicht nur immer jünger eingewöhnt, sie verbringen auch immer mehr Stunden pro Tag in Krippe, Hort, Kindertagesstätte oder Kindergarten. Laut Statistischem Bundesamt ist die Zahl der Kinder unter drei Jahren in Kindertagesbetreuung zum 1. März 2018 gegenüber dem Vorjahr um rund 27.200 auf insgesamt 789.600 Kinder gestiegen.

Neurowissenschaftler und Psychologen wie Joachim Bauer sagen, dass es nur die Eins-zu-eins-Beziehung ist, die intensive Spiegelung, die eine optimale Verschaltung im Gehirn in dieser frühen Phase unterstützt. Vor dem dritten Lebensjahr sei das kindliche Gehirn nicht so weit entwickelt, dass Kompromissfähigkeit und Empathie funktionieren. Das Zusammensein im Kinderrudel verlangt die Anpassung und das Zurücknehmen eigener Bedürfnisse. Für wenige Stunden ist das unproblematisch, aber einen ganzen Tag, mit hohem Geräuschpegel, Aufmerksamkeit zu teilen und sich selbst zu beschäftigen, ist eine extreme Herausforderung. Bevor sich Kinder wirklich äußern können und bevor sie trocken sind, ist der plötzliche Übergang von der Innigkeit mit den Eltern im ersten Jahr zu lauten Tagen mit vielen Kindern ein Nähe-Distanz-Schock. Ich würde sogar behaupten, dass eine emotionale Bedürftigkeit erzeugt wird.

Der Kinderarzt Herbert Renz-Polster formuliert es so: “In den ersten beiden Jahren steht für alle Kinder das Du im Vordergrund, die Kinder brauchen das, um sich selbst gut kennenzulernen, wir Großen brauchen es, um unsere Kinder kennenzulernen. Im dritten Jahr geht es für die Kinder auf die Reise zum Wir. Jede Familie muss den besten Weg in diesem skizzierten Gelände finden.” Erst wenn sich ein Kind wirklich wohlfühle, könne es lernen.

Er sagt: “Gestresste Kinder lernen nicht – das sollte in großen Buchstaben über jeder Einrichtung stehen, von Krippe bis Schule.” Bildung von Kindern sei erst dann möglich, wenn – genau wie bei einem Haus – ein gutes Fundament vorhanden sei. Und das entstehe nach seiner Theorie dann, wenn das Kind eine aufnahmefähige, unbeschädigte Persönlichkeit habe. Warum investieren wir nicht mehr Zeit in das Fundament und ermöglichen damit eine stressfreiere, geborgene Kindheit?

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