Aktuelle Studie zeigt Bewegungsmangel und Übergewicht bei Kindern

(DVCK – Aktion Kinder in Gefahr) Die alarmierenden Ergebnisse des Universitätsklinikums Münster über den drastischen Bewegungsmangel zeigen, dass sich Kinder und Jugendliche in der Zeit von Corona und den Schulschließungen immer weniger bewegen. Das Wegfallen vieler Sportangebote verstärkt diesen Effekt bei Kindern noch.

In dieser Studie aus Münster haben Dr. Manuel Föcker und Dr. Matthias Marckhoff 1060 Kinder und Jugendliche aus dem Regierungsbezirk Münster unter anderem zu Bewegung, Essverhalten und Bildschirmzeiten befragt. „Wir haben festgestellt, dass die körperliche Aktivität bei den befragten Jugendlichen in der Zeit der Kontaktbeschränkungen im April dieses Jahres signifikant abgenommen hat. Die Gruppe derjenigen Kinder, die sich in dieser Zeit fast gar nicht mehr bewegt haben, hat sich auf zirka 25 Prozent VERFÜNFFACHT.

Parallel hat der Medienkonsum signifikant zugenommen. Etwa 45 Prozent der Jugendlichen hatten im Untersuchungszeitraum eine tägliche Bildschirmzeit – darunter fallen TV, Konsole, Computer, Smartphone – von mehr als acht Stunden. Vor der Pandemie galt dies für etwa 20 Prozent der Jugendlichen.

Die Fachleute konnten außerdem Hinweise darauf finden, dass psychische Probleme, die schon vor dem Lockdown auftraten, einen Bewegungsmangel und einen steigenden Medienkonsum begünstigen können.

Und schon im April zeigten Wissenschaftler einer Studie aus Italien, wie sich das Verhalten der Kinder während des pandemiebedingten Lockdowns verändert hatte. Ohnehin schon adipöse Kinder ernährten sich deutlich schlechter, verbrachten mehr Zeit vor Bildschirmen und bewegten sich weniger. „Wir wissen aus verschiedenen Studien, dass sowohl der Sportunterricht als auch der Vereinssport einen ganz wichtigen Beitrag zur Entwicklungsförderung leisten. Hier geht es um Aspekte der körperlichen und psychischen Gesundheit, insbesondere aber auch um Dinge wie den Umgang mit Sieg und Niederlage, das Pflegen von Freundschaften, das Beilegen von Konflikten, die Kontrolle von Impulsen“, sagen die Forscher.

Weitere Studien zeigen ähnliche Ergebnisse. So heißt es: 80 Prozent der Jugendlichen bewegen sich hierzulande weniger als von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlen. Besonders betroffen sind Mädchen. Und offenbar ist auch die Entwicklung besorgniserregend. In dem Bericht heißt es: „Die Kinder und Jugendliche in Deutschland bewegen sich immer weniger.“ Laut der Studie ist in diesem Zusammenhang das wachsende Angebot an digitalen Medien und Spielen problematisch.

„25 Prozent der Deutschen haben bereits Adipositas, weitere 35 Prozent Übergewicht. Adipositas ist zudem die häufigste chronische Erkrankung im Kindes- und Jugendalter geworden“, erklärt Dr. med. Jens Kröger, Vorstandsvorsitzender von Deutsche Diabetes-Hilfe und niedergelassener Diabetologe. Bewegungsmangel und Übergewicht fördern die Entstehung von Typ-2-Diabetes. Hohe Risikofaktoren für die Diabetesentstehung beim Typ-2-Diabetes sind Bewegungsmangel und Übergewicht. Beide nehmen in der Bevölkerung seit Beginn der Corona-Pandemie zu, wie aktuelle Umfragen zeigen. Diabetes und Adipositas wiederum erhöhen das Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf bei COVID-19. Angebote fallen wieder aus – Motivation zu Bewegung und gesunder Ernährung sinkt.

Es ist mittlerweile gut belegt, dass körperliche Aktivität ein wichtiger Schutzfaktor für die gesunde Entwicklung von Heranwachsenden ist. Wenn etwa in einer sensiblen Phase wie der Pubertät plötzlich der Rückhalt oder die Anerkennung durch die Peergroup im Sport verloren geht, so hat dies Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung.

Politische Forderung: mehr Treffpunkte für Kinder schaffen

Die Befragten des Kinderreports 2020 sagen: Wenn es schon keinen Spielplatz um die Ecke gibt, müsste der weiter entfernte zumindest besser erreichbar sein. Mehr als 90 Prozent der Kinder und der Erwachsenen wünschen sich dafür kostenlose Busse und Bahnen, sichere Radwege oder grüne Wegeverbindungen, also Rad- und Spielwege ohne jeglichen motorisierten Verkehr.

Ein gemeinsames Problem verteilt sich über alle Grenzen

Es müssen wieder mehr Menschen hungern, gleichzeitig nimmt die Zahl der dicken Kinder weltweit zu. Dies zeigen der Welternährungsindex einerseits und eine Studie der Weltgesundheitsorganisation andererseits. Auf den ersten Blick ist das paradox. Ein Teil des Welthungers lässt sich vor allem mit klimatischen Ursachen und bewaffneten Konflikten erklären. Es gibt auch Länder wie die Zentralafrikanische Republik, die es als gescheiterte Staaten noch nicht einmal hinbekommen, Nahrungsmittelspenden gut zu verteilen. Bei solchen politischen Desastern helfen nur komplexe Lösungen.

Doch auch andere Entwicklungen haben ihre Gemeinsamkeiten. Das Gewicht der Kinder steigt nicht nur in den Industrieländern, auch in Schwellenländern wie China, Brasilien, Indien nimmt die Zahl der übergewichtigen Kinder zu. In einem Land wie Indien bestehen so Hunger und Übergewicht nebeneinander. Ein globaler Lebensmittelgigant macht inzwischen mehr als 40 Prozent seines Umsatzes in Entwicklungs- und Schwellenländern.

Lebensmittelmultis ruinieren mit ihren Produkten regionale Esskultur

Was auf den Tisch kommt, wird in vielen Ländern immer ähnlicher, und genau darin liegt ein Teil des Problems. Die Märkte werden geflutet mit industriell verarbeiteten Lebensmitteln, die oft zu süß, zu salzig und zu fettig sind. Dafür sind sie billig und leicht zuzubereiten. Sie sind oft am besten verpackt, am aufwendigsten beworben und am intensivsten mit heißer Imageluft aufgepustet.

Die Lebensmittelmultis verteidigen ihre Expansion bisweilen damit, dass sie dazu beitrügen, die Weltbevölkerung überhaupt erst satt zu bekommen. In Wirklichkeit erzeugen sie jedoch einen massiven Umbau der lokalen Landwirtschaften. Wenn erst mal Bauern ihre Arbeit eingestellt haben, Menschen in Städte gezogen sind, wird es schwer, diesen Prozess noch einmal rückgängig zu machen. So gehen Möglichkeiten zur Eigenversorgung verloren und mit ihr die regionale Esskultur. Dafür wächst der Anteil an Fertigprodukten und Fast Food. Es belegt den Megatrend, den der Soziologe Andreas Reckwitz für das 21. Jahrhundert nennt: Der Westen verliert politisch an Einfluss, gewinnt aber als Lebensstil an Bedeutung. Es gehört in Ländern wie Ghana zum Statussymbol, bei einer internationalen Fast-Food-Kette essen zu gehen.

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