Christa Meves zum Anstieg von Schulabbrecher vor und während Corona

Christa Meves

Welchen Klinikbericht man auch ergoogelt: Die Quintessenz der Ärzte angesichts von Corona heißt einhellig: Zwar bereiten wir uns auf eine Steigerung der am Virus Erkrankten vor, hoffen zwar mit der Bettenzahl bei fortschreitender Impfung zurechtzukommen, sehen uns aber einer hochbrandenden Schwierigkeit gegenüber: Es fehlt die hinreichende Zahl der betreuenden Fachkräfte und damit auch die nötige Erholphase für die z. Z. vorhandenen Pflegenden; denn diese befinden sich im Dauerstress.

Man kann angesichts dieser Klagen nur hoffen, dass endlich ein Missstand, der sich lange schon eingeschlichen hat, nicht länger als unwesentlich abgetan bleibt: Die Fachkräfte, besonders im mittleren Management, fehlen auf der ganzen Linie! Und das ließ sich – im Grunde bereits seit 50 Jahren – für die heutige Situation voraussagen. Mit dem Fanal der 68er auf den Lippen ging der Trend in die Richtung, sich von allem und jedem zunehmend zu befreien. Wolle man sich zur fortschrittlichen Moderne zählen, so möge man sich hier positionieren, und das hieß z.B.: sich befreien von unwillkommenen Schwangerschaften mithilfe von Abtreibung, befreien von dem Joch einer Ehe auf Lebenszeit, befreien von persönlicher Betreuung der Kinder, befreien zur Selbstverwirklichung statt zur Verantwortung wenigstens für die Allernächsten. Aber eine solche Einstellung ist eine Anmaßung großen Stils! Das entspricht grundsätzlich nicht der Begrenztheit unserer menschlichen Existenz und ist infolgedessen eine unrealistische Illusion, die langfristig auf jeden Fall negative Folgen heraufbeschwört.

Daraus resultierte eine allgemeine Schwächung der Familie, was letztlich auch den Fachkräftemangel mitverursacht hat. Das Schulversagen von immer mehr Kindern hatte bereits vor Corona von Jahr zu Jahr bei einem erheblichen Anteil aller Schüler in Deutschland zu einem Schulabbruch geführt. Dieser hatte langfristig bei vielen von ihnen eine Steigerung der Langzeitarbeitslosigkeit mitbewirkt. Heute hat nun – so zeigen die jüngsten Zahlen – der langfristige Corona-Lockdown die Anzahl der Schüler, die die Schule ohne Abschluss verlassen, sogar verdoppelt. Die meisten von diesen waren mit dem Schulpensum nicht mehr zurechtgekommen. Im Gegensatz dazu haben andere Mitschüler das digitale Arbeiten für die Schule zuhause als eine Möglichkeit entdeckt, Spitzenleistungen zu erwirken. Auf diese Weise entstehen wachsende Leistungsunterschiede in den einzelnen Klassen. Dennoch aber lässt sich Corona nicht als Ursache, sondern lediglich als Offenbarwerden des tiefer gründenden Missstandes verstehen. Nicht erst der Lockdown sollte uns längst dazu genötigt haben, diesen sich fortgesetzt steigernden Zahlen der Schulabbrecher und ihren Ursachen nachzugehen.

Nach meiner praktischen Erfahrung als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin ist ein Mangel an Schulerfolg der häufigste Grund, der Eltern veranlasst, nach fachlicher Hilfe für die betroffenen Kinder zu suchen. Bei deren Behandlung ergab sich eine erhebliche Differenzierung für die Ursachen des Schulabbruchs. Deshalb möchte ich heute eine kurze Zusammenfassung dieser Erfahrungen versuchen.

Zunächst eine Definition: Als Schulabbruch wird registriert, wenn ein Kind in welchem Alter auch immer ohne ein Abschlusszeugnis zumindest der Hauptschule ins Leben geht.

Die Ursachen liegen selten in angeborenen Lernbehinderungen. Diese Fälle werden meist spätestens bei den Schuluntersuchungen erkannt und dem Bereich der zielgerecht behandelnden, gut organisierten Behinderungshilfen zugewiesen.

Die Mehrzahl der Schüler mit Schulabbruch fußt hingegen umweltbedingt auf psychischen Ursachen. Nicht selten wird der Zensurenabfall durch eine für diese Kinder unerträgliche Schulsituation ausgelöst. Sie empfinden sich bei unserem Zensurensystem bald schon als Loser und sind dadurch dem abweisenden Urteil der Mitschüler ausgesetzt. Dieses wird meistens von einem primitiven Konkurrenzverhalten bestimmt. In solchen Fällen findet dann auch nicht selten Mobbing statt, zumal wenn das Kind darüber hinaus schüchtern und im äußeren Outfit wenig angepasst erscheint. Verständnis für die wachsende Not dieser Lernschwachen fehlt in solchen Fällen oft im Umfeld.

In jüngster Zeit ergab die Therapie, dass die Ursache des sich einschleifenden Schulversagens gelegentlich auf einem Trauma aufbaut, mit dem das Kind nicht fertiggeworden ist. Solche seelischen Verletzungen haben ihre Ursache zwar meistens im häuslichen Bereich, können gelegentlich aber auch schulischer Art sein. Mir wurde neuerdings einige Male berichtet, dass sexualisierte Mitschüler auf der Toilette andere Kinder zu sexuellen Handlungen zu verführen suchten. Von den Tätern zu Geheimhaltung aufgefordert, werden diese Opfer dann nicht mit ihren Schuldgefühlen fertig. In anderen Fällen ist im häuslichen Bereich durch die drohende Scheidung von Eltern, die sich unablässig streiten, bei dem Kind Dauerangst entstanden. Das schränkt seine Konzentrationsfähigkeit ein, weil diese Kinder – meistens sind das Mädchen – fürchten, dass die Eltern sich scheiden lassen. Diese Kinder fallen dann meist in die Rubrik „Schulphobie“, was die längst besorgten Eltern dann natürlich noch mehr alarmiert und die ganze Not in die Krankheits-Schiene entgleiten lässt.

Bei Kindern mit einer erheblichen Vitalität entsteht aber nicht nur eine gesteigerte Mutlosigkeit, sondern es wächst auch der eigentlich gesunde Impuls, einer solchen unerträglichen Situation zu entfliehen, meist zunächst durch eine protestierende Verweigerung des Schulbesuchs, aber im traurigsten Fall dann auch durch direkte Flucht, zumindest wenn der Schulabbruch im Jugendalter geschieht. In der letzten Zeit gab es auch nach Facebook-Kontakten mit Mädchenfängern ein Lolita-Schicksal mit Totalabbruch zur Ursprungsfamilie …

Das sind natürlich keineswegs die z. Z. gesteigerten Fälle insgesamt. Bei einem Großteil der Schulversager wird von den Eltern versucht, einem drohenden Schulabbruch entgegenzuwirken: Das auf dem Gymnasium versagende Kind wird auf die Realschule umgeschult und nach weiteren Jahren der Vergeblichkeit auf die Hauptschule, ehe die Eltern entweder therapeutische Hilfe suchen oder einfach resignieren.

Das erste Gebot der Hilfe muss durch eine möglichst frühe Beachtung des schulisch scheiternden Kindes erfolgen. Das ist die Funktion der Schulpsychologen und bedarf dringend der Beratung aller Erziehenden, die mit diesem Kind beschäftigt sind. Die Probleme lassen sich z. B. leicht lösen, wenn das Kind zu früh eingeschult worden ist, weil es ein Spätentwickler ist. Dann müssen konstruktive Vorschläge zu Anregung und Aufschub gemacht werden.

Der Hauptteil des Schulversagens beruht aber laut Erfahrung doch eher auf der Lebenssituation im privaten Bereich: ADHS, die immer häufigere Tatsache, dass einzelne Kinder nicht die Fähigkeit haben, ihre Unruhe zu bezwingen. Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom hat das ein aufmerksamer Psychiater in den USA treffend definiert. Gewiss kann diese Schwierigkeit durch all die eben genannten Ursachen entstanden sein. Aber die Hauptursache bei den Schulversagern besteht darin, dass die Kinder ein Defizit in der Ausgestaltung ihrer natürlichen seelischen Entwicklung haben erleiden müssen, die sie jetzt per unbewussten Selbstheilungsversuchen in ein wirres Suchen nach Zufriedenheit treibt, was dann als Verhaltensstörung sichtbar wird. Natürliche, kindgemäße seelische Entfaltung ist für die Kinder heute grundsätzlich immer schwieriger geworden, je weniger die natürlichen Bedürfnisse der Kinder vom prägenden Säuglingsalter ab als notwendige Bausteine in Rechnung gestellt werden. Ja, häufig werden sie überhaupt gar nicht mehr als solche erkannt. Das Kind als primäre Generalaufgabe der Mutter ist im Zeitgeist mehr oder weniger verschwunden. Top ist die Frau heute, die sich selbst verwirklicht. Mutterschaft wird durch einen verhängnisvollen Zeitgeist in eine traurige Falle der Wertlosigkeit ins Abseits verschoben. Diese Frauenverführung zur Fehleinstellung macht die häufigsten Fälle der Kinder unter den Schulversagern aus, die deswegen keineswegs etwa die intellektuell weniger Begabten trifft, sondern vor allem die seelisch Sensitiven, weil diese am ehesten zu beeinträchtigen sind. Sie alle enden nun natürlich nicht allein in direkter Flucht und mit in einem Verschwinden aus dem bisherigen Umfeld, im Untertauchen in zweifelhaften Gruppierungen bis zur Verwahrlosung und Kriminalität. Bei manchen reicht die Vitalität, sich als Selfmademan auf mehr oder weniger krummen Wegen eine eigene Existenz zu erbasteln. Ein erhebliches Potenzial taucht in der permanenten Arbeitslosigkeit unter, mit einem Status, mit dem man sich recht und schlecht von Job zu Job durchbringt oder im Krankgeschriebenwerden versackt.

Jeder, der mir bis zu dieser Bilanz gefolgt ist, wird erkennen, dass wir in dieser Hinsicht für unsere gesellschaftliche Zukunft dringend einer Veränderung der allgemeinen Lebenseinstellung bedürfen. Kindern als Garanten gesunder Zukunft aller einen gewichtigen Platz einzuräumen, ist unumgänglich. Sie sind nun einmal kostbare Geschenke auf Zeit, die eines erheblichen Langzeiteinsatzes bedürfen, wenn im Erwachsenenalter der gesunde Status von Liebes- und Arbeitsfähigkeit erreicht werden soll. Bewusstsein darüber sollte jedem jungen Paar per Belehrung vermittelt werden, bevor es Familie gründet. Denn Glück mit süß schmeckenden Früchten oder Unglück mit früh verkümmerten Trauben ist die grundsätzliche Entscheidung für jede Familie samt Großeltern.

Wir haben hier leichtfertig an den Grundpfeilern gesellschaftlicher Existenz gesägt. Wir müssen versuchen, ein tiefes Verantwortungsgefühl für die Notwendigkeit liebevoller, konstanter, persönlicher Betreuung zu aktivieren, wenn wir Hoffnung auf Zukunft sowohl in der einzelnen Familie als auch ein konkurrenzfähiges Niveau der Gesellschaften erreichen wollen – statt fortschreitendem Niedergang ausgesetzt zu sein. Der Fachkräftemangel ist also Symptom einer allgemein gefährlich unguten Ausrichtung! Auf Erfolg darf grundsätzlich nur hoffen, wer Gottes Schöpfungsordnung beachtet.

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