Kinder sind auch langfristig die großen (kleinen) Verlierer der Corona Krise

Christiane Jurczik

Es war zu befürchten, dass Kinder nicht nur schulisch und körperlich durch Lockdown und Krise leiden. Der Verlust einer Tagesstruktur wie zum Beispiel der tägliche Weg in die Schule, kein Sport, fehlende soziale Kontakte, erhöhter Medienkonsum und dadurch bedingter Bewegungsmangel, Angst vor der Zukunft und unsichere Perspektiven (um nur einige zu nennen) haben dazu beigetragen, dass Kinder und Jugendliche zudem auch soziale Kompetenzen verloren haben.

Soziale Kontakte sind für Kinder und Jugendliche extrem wichtig für ihre Entwicklung. Doch gerade dieser Bereich war massiv eingeschränkt. Virtuelle Kontakte können persönliche Treffen, gemeinsame Spiele und Sport, basteln, malen usw. nicht ausgleichen.

Sie haben das Wir-Gefühl verloren

Die Mittelschule in der Münchner Simmernstraße: Lehrerin Meike Fuchs unterrichtet eine sechste Klasse. Die Elf- bis 13-Jährigen freuten sich, endlich wieder in die Schule gehen zu können, erzählt ihre Lehrerin. Aber sie hätten das Wir-Gefühl verloren und vergessen, wie sie miteinander umgehen sollen. “Die Schüler können sich gar nicht mehr so ausdrücken, wie sie es früher konnten”, sagt die 30-Jährige.

Dazu käme ein Verständnisproblem. Viele würden Sachen in den falschen Hals bekommen. “Schüler A sagt etwas, meint es aber ganz anders, als Schüler B es aufnimmt. Dadurch kommt es jetzt viel schneller zu Konflikten, die sie selbst nicht lösen können.” Die Folge: die Lehrkräfte müssen nun öfter schlichten.

“Sie kommunizieren weniger, sind nicht mehr so aktiv wie vor Corona.”

Auch ihre Kollegin Isabel Franz macht sich Sorgen um ihre Schüler. Sie unterrichtet eine achte Klasse. Der 33-Jährigen fällt auf, dass die Jugendlichen weniger kommunizieren und antrieblos sind. “Sie sind ruhiger geworden und einfach nicht mehr so aktiv, wie sie es vor Corona waren.” So bräuchten die 13- bis 14-Jährigen im Unterricht mehr Impulse, um ins Gespräch zu kommen. Oft muss Isabel Franz sie bei bestimmten Arbeitsaufträgen motivieren, sich miteinander zu unterhalten.

Auch br24 berichtet am 11.10.2021 darüber, dass Schüler miteinander reden verlernt haben – sie haben die soziale Kompetenz verloren. Lehrer in Bayern beobachten mit Sorge wie sich ihre Schüler verändert haben. Auch Bayerische Pädagogen und Psychiater warnen vor fatalen Folgen.

An vielen Grund- und Mittelschulen häufen sich gerade heftige Auseinandersetzungen – Lehrer stehen vor ganz neuen Herausforderungen. Wie die Augsburger Allgemeine berichtet haben sich vor einer Schulbushaltestelle Kinder so stark geprügelt, dass die Polizei kommen musste. In Kühlenthal gab es ebenfalls eine Schlägerei bei der ein 15-Jähriger so stark verletzt wurde, dass er ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Lehrer sprechen auch hier von einem Verlust der sozialen Kompetenz wegen des langen Distanzunterrichts.

“Lange Schulschließungen schaden einfach”, sagt die Vorsitzende des bayerischen Fachverbandes der Kinder- und Jugendpsychiater, Gudrun Rogler-Franken. Das zeigt sich auch bei der sozialen Kompetenz. Sie sei verloren gegangen, könne aber reaktiviert werden, so die Münchner Medizinerin. Gerade an die Eltern appelliert sie, sich Zeit zu nehmen für die Kinder, gemeinsam etwas zu unternehmen. “Pflegt Rituale in den Familien, gemeinsame Mahlzeiten, gemeinsame Aktivitäten. Ein Kind, das in der Familie keine soziale Kompetenz gelernt hat, tut sich schwer, es dann in einem anderen Kontext zu lernen”, so die Kinder- und Jugendpsychiaterin.

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